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Die ungarische Minderheit fühlt sich bis heute nicht recht zuhause in Siebenbürgen

Fremde Heimat: Ungarn in Siebenbürgen

Text und Fotos: CHRISTOPH STRAUCH

28.07.2017 · 1920 musste Ungarn Siebenbürgen an Rumänien abtreten – die ungarische Minderheit fühlt sich dort bis heute nicht so recht zu Hause.

Sozialistische Plattenbauten der Ceausescu-Ära bilden den Kontrast zu mittelalterlichen Markthallen und Rathäusern. Im hügeligen Umland liefern sich Dörfer mit katholischen, reformierten und orthodoxen Kirchen ein klerikales Wettrüsten. Ortsschilder sind auf Rumänisch und Ungarisch, mitunter auch Deutsch beschriftet. Eine Fahrt durch Siebenbürgen verspricht Abwechslung. Und kostet Zeit: Viele Wege sind holprig, Autobahnen eine Rarität, und überhaupt scheinen die Entfernungen in diesem Teil Rumäniens größer, als es die Kilometerangaben auf den Verkehrsschildern vermuten lassen.

„Was soll das?“, schimpft András Kolcsár aufgebracht vom Beifahrersitz, während er mit seinem Freund László Holló über eine Landstraße gen Osten fährt. “Lächerliche 50 Kilometer Autobahn und nicht mal eine Ausfahrt zur Hauptstadt Siebenbürgens!“ Die beiden ungarischen Herren sind in Klausenburg (rumänisch: Cluj-Napoca) losgefahren, für die etwa hundert Kilometer lange Fahrt in die nächstgelegene Großstadt Neumarkt (Targu Mures) brauchen sie zwei Stunden. Kolcsár hat den Schuldigen schnell ausgemacht: Die Rumänen, sagt er gestikulierend, würden Siebenbürgen absichtlich vernachlässigen. „Weil sie schon unter Ceausescu Angst hatten, dass es eines Tages zu Ungarn zurückkehrt.“ László Holló antwortet ruhig, ohne den Blick vom Verkehr abzuwenden: „Auch die Rumänen in Siebenbürgen leiden unter der Vernachlässigung.“

„Wir Szekler sind ein Soldatenvolk“

Die Freunde widersprechen sich oft, obwohl sie vieles verbindet. Beide haben katholische Theologie studiert, sind tiefgläubig und stammen aus dem ostsiebenbürgischen Szeklerland – Heimat einer ungarischen Volksgruppe mit historischen Privilegien und eigenem Brauchtum. Holló aber lebt seit vielen Jahren im multikulturellen Klausenburg, 250 Kilometer weiter westlich. Während im Szeklerland weniger als 20 Prozent der Bevölkerung Rumänen sind, ist es in Klausenburg umgekehrt. Hollós Einstellung zum Zusammenleben von Minderheit und Mehrheit hat das geprägt: Die beiden großen Ziele der siebenbürgischen Ungarn – Autonomie für das Szeklerland und ein föderales Rumänien – will der 51 Jahre alte Theologie-Dozent gemeinsam mit den Rumänen erreichen und nicht gegen sie. „Ich bedauere, dass es keine rumänische Partei gibt, die mit den Ungarn für siebenbürgische Belange eintritt“, sagt er. Kolcsár dagegen setzt auf Konfrontation: mehr Klagen vor Gericht, mehr Oppositionsarbeit in den Parlamenten. „Wir Szekler sind ein Soldatenvolk“, sagt der Notar aus der Region Gyergyó kämpferisch. Die Sonderrechte, die ihnen einst als Grenzschützer von den ungarischen Königen verliehen wurden, stünden ihnen auch heute zu. „Neben dir bin ich nur noch ein halber Szekler“, witzelt Holló. „Ihr könnt eure Identität ja stärker pflegen als wir, müsst euch weniger anpassen.“

Die Innenstadt von Klausenburg (ungarisch: Kolozsvár, runmänisch: Cluj-Napoca)
Die Szekler haben ihre eigenen Symbole. Um die blau-gelbe Fahne gab es in der Vergangenheit immer wieder Ärger mit den rumänischen Behörden.
Auf der Reise durch Ostsiebenbürgen fallen die sogenannten Szeklertore auf. Sie zieren dort viele Grundstücke.
Vom Mittelalter an verlief im Szeklerland die Grenze des ungarischen Königreichs. Die Szekler wurden von den Königen als Grenzschützer angesiedelt.

Romanisiert ist aber auch Holló in Klausenburg nicht. Möbel in den szeklerischen Volksfarben Schwarz und Rot bringen ein Stück Heimat in sein Wohnzimmer, zu Mittag isst er im ungarischen Restaurant gegenüber. Nur die ungarische Staatsbürgerschaft, die Auslandsungarn seit 2010 auf Initiative von Viktor Orbáns Fidesz-Partei bekommen können, hat Holló nicht beantragt: „Meine ungarische Identität ist so fest in mir verwurzelt, dass ich kein Stück Papier dafür brauche.“

Ein unbelastetes Verhältnis zu den rumänischen Behörden hat ihm sein Pragmatismus aber nicht eingebracht, was an Hollós zweiter Funktion in Klausenburg liegt: Er leitet den Vorstand des „Römisch-Katholischen Status“ von Siebenbürgen, einer mehr als 400 Jahre alten Organisation, die sich heute für die Rückgabe des von den Kommunisten verstaatlichten Kirchenbesitzes einsetzt. Nachdem das rumänische Parlament ein entsprechendes Gesetz beschlossen hatte, waren die Restitutionen zunächst gut angelaufen – bis das mehrheitlich orthodoxe Land 2007 der EU beitrat und der unmittelbare Handlungsdruck entfiel. „Leider haben wir nur etwa 15 Prozent unseres einstigen Besitzes zurückbekommen“, sagt Holló.

Ein blau-gelb-roter Anstrich für die Stadt

Eines der Gebäude, die der Status zurückerlangen konnte, ist Hollós Arbeits- und Wohnort. Die Klausenburger Babes-Bolyai-Universität hat dort ihre Katholische Fakultät. Das Haus liegt in einer Seitenstraße, die zum Hauptplatz mit der mächtigen Michaelskirche führt. Als vor Jahren noch ein Bürgermeister der ultrarechten Großrumänienpartei die Geschicke der Stadt lenkte, war hier alles übersät mit rumänischen Nationalflaggen. Selbst Parkbänke und Müllcontainer blieben auf Anordnung des Stadtoberhauptes nicht verschont vor blau-gelb-rotem Anstrich. Mittlerweile zeigt die Stadt ein anderes Gesicht: Im Zentrum stechen eher die gut besuchten Cafés und Bars mit ihrem jungen Publikum ins Auge, einen Steinwurf vom Hauptplatz entfernt die angesehene dreisprachige Universität.

F.A.Z.-Karte sie./lev.

Die Großrumänienpartei, 2000 noch mit 19,5 Prozent zweitstärkste Kraft, ist inzwischen verschwunden. Darin aber sieht László Holló das Problem: „Viele Positionen der Nationalisten werden jetzt von den großen Parteien übernommen.“ Das bekommt auch die Demokratische Union der Ungarn in Rumänien (UDMR) im Bukarester Parlament zu spüren. Die Sammelpartei war jahrelang an Regierungen in Rumänien beteiligt. Sie versucht, auf diesem Weg sukzessive Vorteile für die ungarische Minderheit herauszuschlagen. Eine Politik der kleinen Schritte soll helfen, die großen Ziele zu erreichen. „Leider kann sich aber jede Partei innerhalb von Minuten zu einer ungarnfeindlichen Kraft wandeln“, sagt Hunor Kelemen. Der Vorsitzende der Union war in drei Regierungen Bildungsminister. Durch seine Erfahrung mit den rumänischen Parteien weiß er: „Wenn eine Koalition auf die Stimmen der Ungarnpartei angewiesen ist, gibt sie sich kompromissbereit – innerhalb einer Woche kann sich das aber ändern.“

Anlass für diplomatische Krisen

Als die regierenden Sozialisten und Liberaldemokraten sich zuletzt daranmachten, ihren eigenen Regierungschef Sorin Grindeanu abzusetzen, ging es noch schneller. Um die Ungarn-Union als Mehrheitsbeschafferin zu gewinnen, hatte der Parteichef der Sozialisten, Liviu Dragnea, mehrere Versprechen gemacht: von einer Regierungsbeteiligung für die UDMR, einem Minderheitenschutzgesetz und einem Ungarntag war die Rede. Als Medien und Opposition sich empörten, Dragnea verkaufe Rumänien an die Ungarn, zog er das Angebot am nächsten Morgen zurück. UDMR-Chef Kelemen sieht das Verhältnis von Minderheit und Mehrheit in den letzten Jahren aber generell skeptisch: „Seit dem EU-Beitritt muss Rumänien Minderheitenrechte nicht mehr ernst nehmen.“ Bei den Sprachrechten, den Restitutionen, im Bildungsbereich, bei der Religionsfreiheit – überall gebe es Rückschritte. Hoffnung bereitet ihm die urbane Jugend in Rumänien. Weil die immer kosmopolitischer denke, würden Vorurteile zwischen Ungarn und Rumänen abgebaut. Deshalb glaubt er weiter an seine Politik der kleinen Schritte.

Video: F.A.Z./Christoph Strauch

Unzufriedene unter den Rumänienungarn haben sich derweil gegen die UDMR gestellt. Die Siebenbürgisch-Ungarische Volkspartei etwa ist für die UDMR so etwas wie die AfD für die CDU. László Tőkés, eine Gallionsfigur der Revolution gegen Ceausescu, hat sie 2011 als Alternative zur etablierten Ungarn-Union ins Leben gerufen. Als Partei mit stramm konservativem Profil konnte die neue Kraft zunächst auf die Unterstützung von Orbáns Fidesz bauen. Parteirechte wie Parlamentspräsident László Kövér bevorzugten sie gegenüber der „beliebigen“ UDMR. Laut Hunor Kelemen hat sich das aber geändert. „Es gab eine Zeit, da hat uns Fidesz das Leben schwer gemacht“, sagt der UDMR-Chef, der sich selbst als „links“ bezeichnet. Doch weil die Volkspartei sich mit ihrer Kompromisslosigkeit selbst isoliert habe, sei die UDMR für Fidesz wieder der erste Partner. Mit dem Herrn Ministerpräsidenten aus Budapest gebe es mehrere Treffen im Jahr.

Das steigende Interesse ungarischer Regierungspolitiker an den siebenbürgischen Landsleuten kommt bei den Rumänen nicht gut an. Die Minderheit war mehrfach Anlass für diplomatische Krisen zwischen Budapest und Bukarest, etwa als 2013 ein Streit über die historische Fahne der Szekler zum „Flaggen-Krieg“ eskalierte: Rumänische Behördenvertreter hatten die blau-gelbe Fahne mit Sonne und Halbmond, den Symbolen der Szekler, von öffentlichen Gebäuden entfernen lassen. Gegen ungarische Bürgermeister, die ihre Rathäuser daraufhin erst recht mit dem Accessoire schmückten, wurden Geldbußen verhängt. Die ungarische Regierung kritisierte daraufhin die rumänische massiv und bekam als Antwort, sie möge sich nicht in innerrumänische Angelegenheiten einmischen.

Die ursprünglich rein religiöse Pfingstwallfahrt der Ungarn nach Ostsiebenbürgen steht mittlerweile auch im Zeichen historischen Gedenkens und politischer Bekenntnisse.
Zwar steht für die meisten Besucher der Messen nach wie vor die religiöse Bedeutung im Vordergrund: Die Bewohner um Szeklerburg (rumänisch: Miercurea Ciuc, ungarisch: Csíkszereda) feiern dort die Verteidigung ihres katholischen Glaubens.
Immer öfter haben die Messen zuletzt aber auch eine nationale Symbolik angenommen, wie hier im Gebiet Gyimes, 30 Kilometer weiter östlich.

Viele Rumänienungarn sind dagegen begeistert von der Fürsorge des Nachbarn. Die neue Verbundenheit zeigt sich bei der alljährlichen Pfingstwallfahrt nahe Szeklerburg (Miercurea Ciuc) im Herzen des Szeklerlandes. Auf einer Freifläche zwischen zwei bewaldeten Hügeln versammelt sich eine Menschenmasse, mit der sich mehrere Fußballfelder füllen ließen. Um einen Altar mit hölzernem Doppelkreuz gedrängt, erwarten sie einen Tross von kirchlichen Würdenträgern und Schülern örtlicher Gymnasien in Volkstracht. Einmal im Jahr treffen sich hier Ungarn aus aller Welt zur Pfingstwallfahrt, Hunderttausende lauschen den von Sakralmusik umrahmten Predigten katholischer Geistlicher.

Die Wallfahrt, seit 1567 als rein katholisch-religiöses Fest der örtlichen Szekler begangen, hat zuletzt immer mehr an nationaler Symbolik gewonnen. Fahnen, T-Shirts, Armbänder, Hüte: die ungarischen Nationalfarben stechen überall aus der Menge hervor – seit dem „Flaggen-Krieg“ auch die der Szekler. Was für die Rumänen wie ein irredentistisches Festival aussieht, sehen diese als Unterstützung für ihre vernachlässigten Anliegen. Ein bärtiger Mann mit rot-weiß-grünem Strohhut und Ungarnfahne sagt: „Wir bitten heute die heilige Jungfrau, dass dieses zerrissene Land, Ungarn, Gerechtigkeit erfährt und wir unsere Territorialautonomie bekommen.“ Andere Teilnehmer sind gegen eine Politisierung des kirchlichen Festes. Eine Szekler-Frau in Tracht, die ihren Sohn auf dem Arm trägt, sagt: „Wenn wir Probleme mit den rumänischen Behörden suchen, gibt es sie. Aber man ist doch besser dran, wenn man miteinander auskommt.“

Die Staatsmacht, mit Hunderten Ordnungshütern in den umliegenden Dörfern vertreten, lässt die Pilger gewähren. Die provozieren nicht. So kommt es sogar zu einem freundlichen Wortwechsel zwischen einem Polizisten und einem Autofahrer mit ungarischem Kennzeichen – auch wenn die gemeinsame sprachliche Basis zu kaum mehr als dem Satz „Bist du hungrig?“ reicht. Im siebenbürgischen Alltag aber werden die dunklen Wolken über dem beiderseitigen Verhältnis trotz mancher Lichtblicke weiter bestehen bleiben.

Die Tafel an einem Holzkreuz zeigt das ungarische Staatsgebiet vor 1920. Die allermeisten Ungarn wünschen sich aber Autonomie innerhalb Rumäniens.

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 28.07.2017 10:35 Uhr