21.12.2010 · Ausgelöst von einem dickleibigen Werk der sogenannten "Unabhängigen Historikerkommission", geht in diesen Monaten eine mediale Welle über unser Land hinweg. Hört man den ehemaligen grünen Außenminister, Auftraggeber des aus Steuermitteln ...
Ausgelöst von einem dickleibigen Werk der sogenannten "Unabhängigen Historikerkommission", geht in diesen Monaten eine mediale Welle über unser Land hinweg. Hört man den ehemaligen grünen Außenminister, Auftraggeber des aus Steuermitteln bezahlten Werkes "Das Amt", dann ist das Buch die Offenbarung des Jahrhunderts. Das ist es nicht.
Noch einmal nachzulesen, was im Auswärtigen Amt der Nazizeit an Verwerflichem geschehen ist und wer dafür verantwortlich war, ist immer wieder niederschmetternd. Aber man sollte nicht so tun, als hätte es dieses Buches bedurft, um die Welt aufzuklären. Die Tatsachen lagen längst auf dem Tisch. Wo in diesem Buch findet der Leser Enthüllungen, die es verdienen, als epochale Entdeckungen ministeriell gelobt und medial gefeiert zu werden? Was die Autoren und ihre Helfer präsentieren, war in weitesten Teilen seit langem jedem Interessierten bekannt. Dafür haben neben den Büchern von Browning und Döscher die seit Jahrzehnten regelmäßig erscheinenden Akteneditionen des Auswärtigen Amts gesorgt, die die Untaten vergangener Generationen nie ausgespart haben. Selbst die enthüllende Reisekostenabrechnung des Judenreferenten Rademacher, der Anfang 1938 aus dem Dienst von Mecklenburg-Schwerin als Seiteneinsteiger in das Amt kam, ist seit 1952 (!) bekannt. Anders als andere staatliche Institutionen und die Wirtschaft hat das Auswärtige Amt der Bundesrepublik Deutschland ohne Druck von außen seine Vergangenheit der Öffentlichkeit von Anfang an zugänglich gemacht. Schon das allein zeigt, wie haltlos und unredlich es ist, dem Archiv des Auswärtigen Amtes Vertuschung und Verschweigen vorzuwerfen. Es stimmt auch einfach nicht, das Auswärtige Amt habe immer nur die Widerstandskämpfer in seinen Reihen herausgestellt, die Täter in seinen Reihen habe es verschwiegen. Die amtseigenen Aktenpublikationen früherer Jahre sprechen eine deutlich andere Sprache. Aber wer von den heutigen Kritikern hat davon Notiz genommen?!
Das Wilhelmstraßen-AA war sicher nicht das "Zentrum des Widerstandes". Trotzdem sollte, wer Anspruch auf wissenschaftliche Glaubwürdigkeit erhebt, mit dem aus den Nürnberger Prozessen stammenden Begriff "verbrecherische Organisation" sorgfältiger und sachgerechter umgehen. In klarem Verständnis und gründlicher Würdigung der Sachverhalte traf dieses Verdikt der Richter eben nicht die Reichsregierung, also auch nicht das Auswärtige Amt. Wie jüngst in der Presse zitierte Quellen belegen, betrachteten führende Nazis, auch die SS, den diplomatischen Dienst als solchen als "unzuverlässig", "defaitistisch", "anti-nationalsozialistisch". Es muss folglich über den Kreis der hingerichteten Kollegen hinaus noch viele weitere andersdenkende Amtsangehörige gegeben haben. Ihnen geschieht Unrecht, wenn entgegen dem Nürnberger Richterspruch auch sie in den Begriff der Schande pauschal einbezogen werden. Wo findet sich dafür die fundierte wissenschaftliche Rechtfertigung ?
Unsere Erinnerung zu schärfen ist legitimes Anliegen des Buches. Es will aber mehr. Letztlich wird insinuiert, der alte Geist sei ins neue Auswärtige Amt hinüber geweht. Es ist diese Folgewirkung des Auftragswerkes, die erschreckt. Hier wird vor den Augen von Ausland und Inland eine Institution der heutigen Bundesrepublik Deutschland diskreditiert, in deren Dienst unsere Kollegen, lebende wie verstorbene, seit beinahe sechs Jahrzehnten das Bild des neuen Deutschlands als eines demokratischen und sozialen, freiheitlichen Rechts- und Verfassungsstaats im Ausland mit getragen und mit geprägt haben.
Aus der Welt der deutschen Geschichtsforschung hört und liest man inzwischen massive wissenschaftliche Bedenken gegen das Buch und seinen Umgang mit Fakten und Quellen, vernichtende Kritik an Mutmaßungen und Unterstellungen in weiten Teilen des Buches. Das dürfte der Auftakt zu vertiefter Diskussion sein. Solche Diskussion ist fällig. Sie bleibt der Wissenschaft selbst überlassen.
Es ist das gute Recht neuer Generationen, sich mit der Vergangenheit in der ihr eigenen Sprache auseinanderzusetzen. Doch wie das Auswärtige Amt selbst mit dem Buch und seinen Folgen umgeht, ist auch kein Grund zur Freude. Amtlich verordneter "Bildersturm", "radikale Offenheit", "richtige Konsequenzen ziehen" und "Pflichtlektüre" klingen wie Versäumnisvorwürfe an die eigene Adresse. Das mag auf kurze Sicht Eindruck machen. Sachlich ist es nicht nachvollziehbar. Die Generation deutscher Diplomaten, die nach dem Krieg in das Auswärtige Amt der Bundesrepublik Deutschland eingetreten ist, hat sich nichts vorzuwerfen. Diese Generation hat sich bemüht, ihre Sache gut zu machen. Sie hat Verantwortung übernommen für die Verbrechen der Vergangenheit, sie hat im Ausland die verlässlichen Freunde und Partner für unser Land gewonnen, die Deutschland auf dem Weg in seine Wiedervereinigung voller Vertrauen begleitet haben.
Der Autor war Staatssekretär des Auswärtigen Amtes und Botschafter in Paris.