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Franz Müntefering „Ich wünsche mir, dass ich sehenden Auges dahingehe“

Vor wenigen Tagen saß Franz Müntefering zum letzten Mal im Deutschen Bundestag. Ein Gespräch über das Sterben, den Tod seiner Frau Ankepetra und das Gefühl, mit 73 noch jung zu sein.

© Daniel Pilar „Tot sein ist nicht schwer, nach allem was wir wissen“ - Franz Müntefering

Wie oft denken Sie ans Sterben, Herr Müntefering?

Selten. Aber öfter als in jungen Jahren. Mit dem Sterben habe ich mich vor bald dreißig Jahren zum ersten Mal auseinandergesetzt, als meine Eltern starben. Und natürlich später, als meine Frau schwer erkrankte. Das Nachdenken über das Sterben und wie man damit umgeht, das ist mir wichtig.

Wie sind Ihre Eltern gestorben?

Mein Vater war immer der Gesunde. Aber er ist plötzlich erkrankt. Wir waren noch mittags bei ihm im Krankenhaus, am Abend ist er gestorben. Das hat mich sehr bedrückt. Ich wäre gern bei ihm gewesen. Aber ich hatte nicht erkannt, wie nah er am Tod war.

Und Ihre Mutter?

Die starb bald danach. Aber sie war lange schwer krank, hatte Rheuma und Zucker. Sie sagte: Ich möchte zum Sterben gern zu Hause bleiben. Das habe ich ihr versprochen. Damals bin ich sehr oft von Bonn nach Hause ins Sauerland gefahren. Weihnachten 1985 hat sie sich nochmal schön angezogen und sich als gute Katholikin den päpstlichen Segen über das Fernsehen geholt. Sie hat sich dann hingelegt und gesagt: Jetzt steh’ ich nicht mehr auf.

Und dann?

Sie hat mir noch Fotos aus ihrer Jugend gezeigt, erzählt, hat ihren Bruder in den USA angerufen und sich von ihm verabschiedet. Da flossen viele Tränen. Aber es war gut. Am 30. Dezember ist sie gestorben. Da habe ich begriffen, wie wichtig das Verabschieden ist - für die, die gehen, und auch für die, die bleiben.

Ihre verstorbene Frau Ankepetra haben Sie in den letzten Monaten vor ihrem Tod gepflegt.

Meine Frau wurde 2001 zum ersten Mal krebskrank. Sie ging nach der Behandlung wieder arbeiten - bis 2006. Ich habe oft mit ihr in Kliniken und Krankenhäusern gelebt, im Wahlkampf, als Minister. Die Entscheidung, als Minister auszuscheiden, haben wir getroffen, als sich Metastasen im Kopf zeigten. Da war klar, dass man die Krankheit nicht mehr aufhalten konnte. Ich war auf dem SPD-Parteitag in Hamburg Ende Oktober 2007, auf der Rückfahrt habe ich die Nachricht bekommen.

Wie haben Sie die neun Monate bis zum Tod Ihrer Frau erlebt?

Wir waren seit Mitte des Jahres privat wieder in Bonn zuhause, dort bin ich dann geblieben, um die letzte Wegstrecke gemeinsam zu erleben. Ich habe mal gesagt: Das war auch schön. Ich weiß, das klingt unpassend. Aber es war auch ein gutes Stück Leben. Das ist wahr. Ihre Kinder waren um sie, das erste Enkelkind, ihre Brüder waren oft da. Das war gut, für uns beide.

Wie hat die Pflege Ihrer Frau Ihr Verhältnis zum Sterben verändert?

Früher hatte ich Angst davor, lange sehr große Schmerzen zu haben. Heute weiß ich, dass sich Schmerzen durch die Palliativmedizin erheblich mindern lassen. Dafür braucht man als Pflegender qualifizierte Hilfe von außen. Aber die Pflege kann zu Hause stattfinden. Das zweite, was ich schätzen gelernt habe, ist der Hospiz-Gedanke: dass man Menschen beim Sterben begleitet. Wir müssen uns trennen von einer Haltung, die in der Medizin noch vorkommt. Wenn Ärzte merken, es ist nichts mehr zu machen, fällt es ihnen schwer, das zu akzeptieren. Dabei geht es gerade dann darum, wie der todkranke Mensch die letzte Strecke in Würde erleben kann.

Wie haben Sie das erlebt?

Dass ich nachts um halb zwei anrufen und fragen konnte, was ich jetzt tun muss, war wichtig. Und wenn es nötig war, kam auch jemand. Alleine hätte ich das nicht geschafft. Wichtig ist ja nicht nur, dass man dem Sterbenden helfen will, sondern auch, dass man weißt, wie man richtig hilft. Und es ist auch wichtig, dass diejenigen, die pflegen und begleiten, dabei nicht kaputt gehen. Sich aufzuopfern hilft nicht, man muss selbst überleben können. „Nichts Schöneres unter der Sonne als unter der Sonne zu sein“, heißt es in einem Gedicht von Ingeborg Bachmann. Aber das gilt für jeden Menschen.

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