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Bildungsreform in Frankreich : Wer lesen kann, ist klar im Vorteil

Mehr Bildung, mehr Förderung: Frankreichs Grundschulen sollen reformiert werden. Bild: AFP

Der französische Bildungsminister Jean-Michel Blanquer will die Grundschulen reformieren. Dafür sollen in Paris die Chancen von Kindern aus sozial benachteiligten Elternhäusern verbessert werden.

          Gesang hat sich der französische Bildungsminister Jean-Michel Blanquer zum Schulbeginn nach den langen Ferien gewünscht. „Musik schafft eine andere Atmosphäre“, sagte er und führte aus, dass fortan an den Schulen musikalische und künstlerische Aktivitäten hochgehalten werden sollen. Das sind neue Töne im französischen Schulwesen, in dem mathematischen und naturwissenschaftlichen Kenntnissen traditionell ein höherer Stellenwert beigemessen wird. An vielen Schulen gibt es weder Schulorchester noch Schulchöre. Die Umwälzung, die Blanquer anstrebt, greift aber noch tiefer.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Sie soll das Vertrauen in die Schule wiederherstellen. Dazu gehört eine besondere Förderung der Lesefertigkeiten. Vor den Sommerferien ließ der Minister die Fabeln von La Fontaine an alle Fünftklässler verteilen. „Das soll ein Anreiz zum Lesen sein. Die Fabeln sind zeitlos und ein Ratgeber für das Leben“, sagte der Minister. Blanquers Ziel ist es, die Bildungschancen von Kindern aus sozial benachteiligten Elternhäusern zu verbessern. Im Vergleich zu anderen europäischen Industrienationen ist Frankreich das Land, in dem Bildungserfolg am stärksten durch die soziale Herkunft bestimmt wird. Gerade in den sozialen Brennpunktvierteln verfehlt die Schule immer häufiger ihre Mission, in der Grundschulzeit allen Kindern Lesen und Schreiben beizubringen.

          Intensive Betreuung soll Leistungsniveau steigern

          An 85 Prozent der Grundschulen in den schwierigen Einzugsgebieten ist die Klassenstärke in der 1. Klasse jetzt auf zwölf Schüler reduziert worden. Die Idee geht auf eine 2006 erstellte Studie des Ökonomen Thomas Piketty („Das Kapital im 21. Jahrhundert“) zurück. Von der intensiven Betreuung in Kleingruppen in den ersten beiden Grundschuljahren verspricht sich die Regierung eine deutliche Verbesserung des Leistungsniveaus. Die Umstellungsphase soll 2019 abgeschlossen sein, dann sollen alle Kinder aus sozial benachteiligten Einzugsgebieten in der ersten und zweiten Klasse in Kleingruppen lernen können. Schwierigkeiten könnten dann frühzeitig entdeckt und überwunden werden. 20 Prozent der Kinder verlassen derzeit die Grundschule, ohne korrekt lesen, schreiben und rechnen zu können. Bei 70 Prozent der Franzosen stößt diese intensive Erstklässler-Förderung in den sogenannten prioritären Bildungszonen (REP+) laut einer am Dienstag veröffentlichten Umfrage des Instituts YouGov auf Zustimmung. Noch größer – 80 Prozent – fällt der Zuspruch dafür aus, dass der neue Bildungsminister die von seiner Vorgängerin abgeschafften Zwei-Sprachen-Klassen wieder eingeführt hat. Die verquasten Reformen der Sozialistin Najat Vallaud-Belkacem in der Mittelstufe (Collège) hat Blanquer ohne großes Aufheben zurückgenommen. Künftig können Schüler von der 6. Klasse an bis zum Übergang in die gymnasiale Oberstufe wieder intensiv Fremdsprachen lernen, auch Deutsch und Englisch mit erhöhter Stundenzahl in sogenannten bilingualen Klassen. Den Lateinunterricht, den die frühere Bildungsministerin durch Kurse über die Römerzeit ersetzen wollte, hat der ausgebildete Jurist rehabilitiert. In der Zeitung „Le Figaro“ verurteilte er jetzt scharf jene Kritiker, die Latein- und Altgriechisch-Unterricht als elitär ablehnen. Das Erlernen von Altsprachen erschließe Schülern aus sozial benachteiligten Elternhäusern oftmals neue Bildungschancen. Auch ihre Französischsprachkenntnisse würden sich dadurch verbessern. „Unsere Sprache ist nicht ohne Wurzeln“, betonte Blanquer.

          Innerhalb kürzester Zeit ist Blanquer zum Liebling der Regierung aufgestiegen. Geschickt hat sich der Bildungsfachmann einer Debatte über seine politische Prägung entzogen. „Bildung ist nicht rechts oder links“, sagte er. „Wenn es konservativ ist, das Leistungsniveau und die Allgemeinbildung verbessern zu wollen (...), dann glaube ich, dass 95 Prozent der Franzosen konservativ sind“, sagte er. Blanquer leitete zuletzt die angesehene Wirtschaftshochschule Essec und war zuvor jahrelang auf hohen Verwaltungsposten im Bildungsministerium tätig. Seine Vorstellungen über die „Schule von morgen“ („L’École de demain“) fasste er in einem Buch im Herbst 2016 zusammen. Die Vorschläge sollen die frühere Lehrerin Brigitte Macron und ihren Mann so sehr überzeugt haben, dass sie Kontakt zu Blanquer aufnahmen. Trotz der Sparzwänge konnte Blanquer jetzt eine Haushaltserhöhung für das Schulwesen ankündigen. 50,5 Milliarden Euro sind für die „Éducation nationale“ im Haushaltsjahr 2018 vorgesehen.

          Neu ist auch, dass Bildungsminister und Kulturminister eng zusammenarbeiten. Die musikalische „rentrée“ ist ein gemeinsames Projekt Blanquers und der Kulturministerin Françoise Nyssen. Die frühere Verlegerin aus Arles interessiert sich seit Jahren für Bildungsfragen und hat zusammen mit ihrem Mann Jean-Paul Capitani auf einem Landgut eine alternative Schule „Domaine du Possible“ („Gut des Möglichen“) begründet. Nyssens jüngster Sohn Antoine, ein hochsensibler, hochbegabter Junge mit einer Lese- und Rechtschreibschwäche, war am traditionellen Schulwesen gescheitert und hatte sich im Alter von 18 Jahren das Leben genommen. Die Möglichkeit, Schüler mit besonderen Bedürfnissen individuell zu fördern, soll fortan auch an staatlichen Schulen verbessert werden. Blanquer will die Autonomie der Schulleitungen vergrößern, die bislang nur über geringe Entscheidungsspielräume verfügten.

          Quelle: F.A.Z.

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