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Frankreich Sarkozy war wieder schneller

07.05.2007 ·  Zwischen dem amtierenden Präsidenten und seinem politischen Erben Sarkozy gab es immer wieder Spannungen. Jetzt ist Jacques Chiracs aufmüpfiger Ziehsohn angelangt, wo der Adoptivvater ihn wohl nie haben wollte. Von Michaela Wiegel.

Von Michaela Wiegel, Paris
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Die Eskorte der Kameraleute auf ihren Motorrädern hat Nicolas Sarkozy einfach abgehängt. Bei seiner Siegestour durch das nächtliche Paris ist der künftige Staatspräsident seinem Ruf treu geblieben, schneller zu sein als die anderen. Im Alter von 52 Jahren hat er den Einzug in den Elysée-Palast geschafft, an den er seit Jahren nach eigenem Bekunden nicht nur morgens beim Rasieren dachte. Sein Vorbild - und künftiger Vorgänger - Chirac hatte zehn Lebensjahre länger dazu gebraucht.

Sarkozy konnte die Erleichterung nicht verbergen, sein Ziel erreicht zu haben. Locker und gelöst wirkte er, als er kurz nach 23 Uhr auf die Tribüne am Platz der Eintracht kletterte. Nicht mehr staatstragend wollte er da reden, nur noch Freude vermitteln: „Heute Abend feiern wir den Sieg Frankreichs. Seid großzügig, reicht den anderen die Hände. Unser Sieg ergibt nur Sinn, wenn er der Sieg des ganzen Landes ist.“ Sarkozy sprach von Liebe überhaupt, der Vaterlandsliebe und der Nächstenliebe, und Cecilia Sarkozy blinzelte dabei an seiner Seite, als wenn sie davon nur zu viel wisse.

„Enfants de la Patrie“

Die künftige „Premiere Dame“ hatte den ganzen Tag lang ihren beiden blonden Töchtern aus erster Ehe die Repräsentationspflichten an Sarkozys Arm überlassen. Noch hat sie nicht verraten, ob sie am 16. Mai mit ihrem Mann in den Elysée-Palast einzieht oder - wie Giscard d'Estaings Ehefrau - lieber in ihrer Privatwohnung wohnen bleibt.

Sarkozy interessiert zu später Stunde nur noch das Glücksgefühl, das er mit den 30.000 Anhängern am Platz der Eintracht teilen will. Eine zierliche Frau tritt an seine Seite, es ist Mireille Mathieu mit ihrer unvergänglichen Föhnfrisur. Mireille Mathieu, der „Spatz von Avignon“, stimmt die Marseillaise an: „Allons! Enfants de la Patrie ...“.

Nicolas Sarkozy, der (nur) neben ihr wie ein Hüne wirkt, stimmt voller Inbrunst ein. Michèle Alliot-Marie, die Verteidigungsministerin, steht ganz in Weiß gekleidet zu seiner Rechten, sie singt, als wolle sie sich damit einen Posten in der nächsten Regierung verdienen. Auch François Fillon kennt den Text, wie es sich für einen mutmaßlichen Premierminister gehört. Die Nationalhymne, die wegen ihrer kriegerischen, blutrünstigen Parolen eine Zeitlang nicht mehr in der Schule auswendig gelernt wurde, war der Schlager des Wahlabends.

„Das Frankreich danach“

Mireille Mathieu und Faudel, der junge „Prinz des Rai“ aus den früheren nordafrikanischen Kolonien, der danach seinen Hit „Mein Frankreich“ singt, sie sollen wohl in ihrer Gegensätzlichkeit „das Frankreich danach“ verkörpern, von dem Sarkozy so oft gesprochen hatte.

Er, der Einwanderersohn, dessen Vater vor dem kommunistischen Regime in Ungarn nach Frankreich geflüchtet war, tritt mit dem Ehrgeiz an, den Wahlfranzosen neue Chancen zu bieten. Sarkozy glaubt, dass er so auch die Banlieue-Bevölkerung für sich gewinnen kann, jene No-Future-Generation aus den Sozialbausiedlungen, die am Wahlabend vereinzelt Autos anzündete oder handgreifliche Auseinandersetzungen mit den Ordnungshütern suchte.

„Ich will verändern, nicht bewahren“

„Dies ist nicht der Sieg eines Frankreichs gegen das andere Frankreich“, sagte Sarkozy. Bei seinem Versuch, Frankreich für die Globalisierung „fit“ zu machen und den Sozialstaat umzubauen, will er so viele Franzosen wie möglich „mitnehmen“. Dabei hat Sarkozy es verstanden, die Protestwählerschaft Le Pens zu einem konstruktiven Votum zurückzubringen.

Die hohe Wahlbeteiligung zeugt von seinem politischen Geschick. „Das französische Volk hat die Veränderung gewählt. Es hat entschieden, mit den Ideen, den Gewohnheiten und dem Verhalten der Vergangenheit zu brechen“, sagte Sarkozy. Er hat sich immer dagegen gewehrt, als Konservativer bezeichnet zu werden: „Ich will verändern, nicht bewahren.“

Versuch einer versöhnlichen Geste

Um seinen Reformauftrag erfüllen zu können, muss sich Sarkozy zunächst noch eine Mehrheit in der Nationalversammlung bei den Parlamentswahlen am 10. und 17. Juni sichern. „Nach der Wahl ist vor der Wahl“, nach dieser Devise hat Sarkozy immer schon Politik betrieben. Nichts stellt für ihn eine schlimmere Strafe dar, als zum Nichtstun verdammt zu sein. Genau dazu verurteilte ihn Jacques Chirac 1995, um ihn für seinen „Verrat“ im Präsidentenwahlkampf abzustrafen.

Sarkozy hatte sich nach langem Zögern auf die Seite Edouard Balladurs geschlagen, dessen Regierung er von 1993 bis 1995 als Haushaltsminister und Regierungssprecher angehört hatte. Balladur schien die besseren Chancen auf einen Wahlsieg zu haben - eine Fehleinschätzung, die Sarkozy lange bereuen sollte. Chirac nahm den Vertrauensbruch persönlich, er hat sich seither gegenüber Sarkozy immer ein wenig in Acht genommen.

Auch deshalb legt Sarkozy jetzt, wo Chirac aus dem Amt scheidet, so viel Wert auf einen würdigen Abschied des Staatspräsidenten. Es ist der Versuch einer versöhnlichen Geste des aufmüpfigen Ziehsohnes, der endlich dort ist, wo ihn der Adoptivvater nicht unbedingt sehen wollte. An diesem Dienstag, dem Feiertag, an dem Frankreich des Sieges der Alliierten 1945 mit militärischen Ehren gedenkt, will Sarkozy nicht Chirac „die Show stehlen“. Er hat angekündigt, dem Präsidenten die Feierlichkeiten allein zu überlassen, „es gibt schließlich nur einen Staatspräsidenten“.

Gutes Verhältnis zu Bernadette Chirac

Sarkozy hat versprochen, erst Anfang nächster Woche wieder in der Öffentlichkeit zu erscheinen. Aus Rücksicht auf Chirac will er auch die Zusammensetzung der neuen Regierung erst nach seiner Amtsübernahme bekanntgeben, die am 16. Mai am Vormittag stattfinden soll.

Zu Bernadette Chirac hat Sarkozy auch in der Zeit der schlimmsten Verwünschungen ein gutes Verhältnis unterhalten. Die Präsidentengattin sprach im Wahlkampf die lobenden Worte über Sarkozy, die Chirac selbst nicht über die Lippen brachte. Sarkozy hat zu erkennen gegeben, dass er vor allem Bernadette Chirac im politischen Ruhestand juristischen Aufruhr um eventuelle Verfehlungen ihres Mannes als Bürgermeister von Paris ersparen will.

Widerstand „mit nackten Händen“

Versöhnung und Öffnung als Leitlinien seiner Siegesreden - der Erfolg hat Sarkozy großzügig gemacht. Er will die Franzosen bei den Parlamentswahlen mit dem Versprechen locken, dass in der Regierung Platz für alle ist: für verständige Sozialisten wie etwa den früheren Royal-Berater Eric Besson, für Zentristen und kompetente Persönlichkeiten aus der „Zivilgesellschaft“; die Chefin des Nuklearkonzerns Areva, Anne Lauvergeon wird häufig genannt.

Sarkozy wildert in seinem Bestreben, alles besser zu machen als sein Vorgänger, auch schon mal im Repertoire des Sozialisten Mitterrand. Der hatte jedes Jahr zu Pfingsten eine Wanderung zum Roche de Solutré inszeniert. Sarkozy pilgerte am Tag vor der entscheidenden Stichwahl in die Alpen zum Denkmal am Plateau des Glieres zu Ehren der Widerstandskämpfer, die dort im Frühjahr 1944 im Kampf gegen die Nazis umgekommen waren. Jedes Jahr, kündigte er an, wolle er an diesen historischen Ort zurückkehren. „In diesen Bergen ist mit nackten Händen den Besetzern Widerstand geleistet worden und jenen, die Frankreich verraten hatten. Das ist keine Nostalgie, das ist eine Zukunftsbotschaft, das ist die französische Identität“, sagte Sarkozy.

„Résistance“ als Gründungsmythos

„Ich will den Franzosen ihren Stolz auf Frankreich zurückgeben“, sagte der künftige Präsident in seiner Rede am Wahlabend. Er will ganz offenkundig die Erinnerung an die „résistance“ wiederbeleben, die nach seinem Empfinden zu sehr in dem Schuldeingeständnis der französischen Beteiligung an der Kollaboration untergegangen ist. Damit nähert er sich wieder der Lesart an, dass die Franzosen die „résistance“ als Gründungsmythos der Nachkriegsdemokratie brauchen.

Von Mitterrand inspiriert scheint auch Sarkozys Wunsch, sein neues Amt mit einer Aura des Geheimen zu umgeben. So hat er verbreiten lassen, dass er sich in den kommenden Tagen in ein Kloster im Süden Frankreichs zurückziehen werde. Niemand soll erfahren, wo Sarkozy die kommenden Tage verbringt und wie. Doch niemand zweifelt daran, dass der künftige Präsident rasch nach Paris zurückkommt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
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