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Frankreich Le Pen will die Kaderschmiede Ena abschaffen

05.05.2002 ·  Tausende französische Führungskräfte haben die Ena durchlaufen. Nicht-Enarch Le Pen würde die Verwaltungshochschule am liebsten abschaffen.

Von Thea Bracht, Paris
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Obwohl seit mehr als 40 Jahren selbst im Geschäft, schimpft der Rechtsextreme Jean-Marie Le Pen leidenschaftlich gern über Frankreichs politische Klasse. Ein Übel gehört nach Ansicht des Rechtsaußen sofort abgeschafft: die „Ecole nationale d'administration“ (Ena). Die Verwaltungshochschule sei mitverantwortlich für das Kastendenken und den Realitätsverlust der Staatselite, behauptet Le Pen. Lionel Jospin, der mehrmalige Minister Jean-Pierre Chevènement und natürlich Le Pens heutiger Gegner, Staatspräsident Jacques Chirac, haben die Kaderschmiede der Nation absolviert. Tatsächlich räumen selbst Enarchen ein, dass der Königsweg in höchste staatliche Ämter seine Kehrseiten habe. Aber abschaffen? „Mit den Ideen eines Le Pen setzen wir uns nicht auseinander“, sagt ein Enarch.

Altbundeskanzler Helmut Kohl hätte es nach Ansicht von Jürgen Ritte, Germanistik-Professor an der Sorbonne Nouvelle Paris III, in Frankreich schwer gehabt. Die Franzosen schätzen gute Redner, die den Konjunktiv aus dem Effeff beherrschen. Allerdings wirken Politiker, die ihre Sätze kunstvoll zusammenschrauben, mitunter ziemlich langweilig. Der Sozialist Jospin ist so einer. Ihm ist es nie gelungen, rhetorisch Volksnähe herzustellen.

Le Pen hat nie die Ena durchlaufen

Jean-Marie Le Pen redet anders. Was der Populist wenig nuancenreich von sich gibt, kommt an beim kleinen Mann. Im Gegensatz zu den meisten französischen Spitzenpolitikern hat sich der Bretone nach dem Studium der Rechts- und Politikwissenschaft nicht den letzten Schliff an der Ena geholt. Auch deshalb ist er ein Außenseiter in der „formatierten politischen Klasse“, wie Ritte es formuliert.

Die reproduziert sich in den Augen der Kritiker immer wieder selbst und nabele sich somit ab vom Rest der Republik. Zwar sollen die Aufnahmewettbewerbe, die concours, sichern, dass wirklich die Begabtesten - und nicht die Studenten aus den besten Familien - den Sprung in die Kaderschmiede schaffen. Doch viele Enarchen sind Kinder von Enarchen. Sie gehörten schon bei den concours an den Gymnasien zu den Besten, wurden deshalb von den renommiertesten Hochschulen aufgenommen und haben ihr Studium meist bravourös abgeschlossen.

Geschlossene Gesellschaft

Man bleibt unter sich. Der Soziologe Pierre Bourdieu hat nachgewiesen, dass jungen Leuten, die aus einem bestimmten Milieu stammen, dieser Aufstieg eher gelingt als Studierenden aus sozial schwächeren Familien. Bei weniger als zehn Prozent liegt der Anteil der Ena-Absolventen aus der Arbeiterklasse. Trotzdem würde das Auswahlsystem in Frankreich für gerecht gehalten, weil allein die Leistung zähle, nicht die Herkunft, sagt die 23-jährige Gwenaelle Perrier. Sie studiert in Paris „Sciences Po“, was allgemein als gute Vorbereitung für die Ena gilt.

Christiane Deußen, eine von rund 350 deutschen Enarchen und künftige Leiterin der Maison Heinrich Heine in Paris, stellt diese Form der Elitebildung ebenfalls nicht in Frage. Im Alter von 29 Jahren lernte sie die Ena als Lektorin für deutsche Sprache und Landeskunde des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) kennen und schätzen. Beeindruckt von der 27-monatigen Ausbildung - ein Jahr Praktikum inklusive -, entschloss sie sich gut zehn Jahre später, den „internationalen Zyklus“ der Ena zu absolvieren.

Die Besten dürfen sich zuerst die Jobs aussuchen

In Echtzeit müssen Ena-Absolventen hoch komplizierte Aufgaben lösen, Gesetzentwürfe und Dekrete vorbereiten oder Reden schreiben: So kraftraubend kann auch der Dienst in einer Präfektur sein. Als Lohn für das jahrelange intensive Lernen winkt den Absolventen eine schnelle Karriere im Staatsdienst oder ein späterer Einstieg in die Führungsetagen großer Unternehmen.

Natürlich steht am Ende der Ausbildung - zumindest für die Franzosen - wieder die obligatorische Rangliste. „Die Besten im Classement streben einen Posten im Finanzressort an“, sagt Ritte. Ebenfalls begehrt sind das oberste französische Verwaltungsgericht oder der französische Rechnungshof, gefolgt von der Diplomatie. Von dort aus gilt der Aufstieg nach ganz oben als gesichert.

Business-Schools als Konkurrenten

Immer mehr Enarchen entscheiden sich jedoch zum Leidwesen der Ena-Verwaltung im Laufe ihrer Karriere für hoch dotierte Posten in der Privatwirtschaft. Vor allem nach den Privatisierungswellen habe der öffentliche Dienst an Attraktivität verloren, sagt die Studentin Gwenaelle Perrier. Wer jung ist und begabt, für den ist die Verwaltungshochschule kein Muss. Die Bewerberzahlen für Business-Schools steigen stetig.

Damit steht die Ena vor vielen neuen Herausforderungen. Einige Reformen wurden bereits angepackt. Mit dem Teilumzug von Paris nach Straßburg vor einigen Jahren ist die Ausbildung zwar teurer, aber zugleich europäischer geworden. Außerdem haben mittlerweile Außenseiter mit Berufserfahrung die Möglichkeit, die Ena zu durchlaufen.

Es gebe diverse Gründe, warum die Ena als Institution weiter sinnvoll sei, sagt ein Absolvent. Der Zugang zur Verwaltungsschule sei demokratisch, und eine qualifizierte Ausbildung der Verantwortungsträger in der Gesellschaft werde auf diesem Weg gesichert. Mit der Polemik eines Le Pen wolle er sich jedenfalls nicht auseinandersetzen: „Mit einem Nicht-Republikaner diskutiert man nicht über eine republikanische Institution!“

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