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Frankreich Le Pen - ein schlechter Verlierer

06.05.2002 ·  Wenn alle feiern, wollen sich auch die Le-Pen-Anhänger die Party nicht nehmen lassen. Schuld an der Niederlage seien sowieso die anderen.

Von Thea Bracht, Paris
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Die Franzosen feiern sich selbst. Nach seinem überwältigenden Wahlsieg ist der amtierende und neue Staatspräsident Jacques Chirac von tausenden Anhängern in der Hauptstadt bejubelt worden. Auch die Linke war wieder auf der Straße. Sie traf sich auf der Place de la Bastille zum Freudenfest, weil der Staatsfeind Jean-Marie Le Pen so klar geschlagen worden war. Selbst die Front-National-Anhänger tanzten am späten Abend ausgelassen auf Le Pens Privatgelände im Pariser Vorort Saint-Cloud. Trotzdem erwiesen sie sich als schlechte Verlierer.

Harold Leighton kennt den Staatspräsidenten persönlich. Mit Jacques Chirac habe er einmal zu Abend gegessen, erzählt der Arzt. Nachhaltig beeindruckt hat ihn diese Begegnung nicht. Seine ganze Sympathie gilt dem Rechtsextremisten Le Pen. Unglaublich, wie sehr der Frankreich und die Franzosen liebe! Leighton, ebenfalls ein bekennender Menschenfreund, hat am Wahlabend neben seinem Rauhaardackel einen Schwarzafrikaner mitgebracht, den er stolz als „meinen Freund aus Kamerun“ präsentiert.

Parteischickeria unter sich

Als vor der Parteizentrale in Saint-Cloud Gerüchte kursieren, der Front-National-Kandidat liege in den jüngsten Umfragen weit abgeschlagen hinter Chirac, hegt Leighton Zweifel. Bruno Gollnisch, Le Pens Wahlkampfleiter, kommt gerade vorbei und macht ein ziemlich mürrisches Gesicht. Weniger als 19 Prozent für Le Pen? „Wir werden sehen“, sagt Leighton.

Nachdem das einfache Parteivolk in der Wahlkampfzentrale die ersten Hochrechnungen vernommen hat, laufen einige Sympathisanten in den Parc du Montretout. Hier oben, in einem zeltartigen Gebäude auf Le Pens Privatgrundstück, tummelt sich die Front-National-Schickeria. Harold Leighton ist natürlich mit dabei, den Dackel immer noch im Arm und den Freund im Schlepptau. Ausnahmsweise steht er schweigend da.

Parteijugend in Barbourjacken und Cordhosen

Dafür reden sich die Jüngeren, meist edel gekleidet im englischen Landhaus-Stil, gern aus der Affäre. Sie alle haben die gleiche Erklärung für die Schlappe des Front-National-Vorsitzenden: den „hysterischen Wahlkampf“ und die „undemokratischen Methoden“ der Gegner. Als Jacques Chirac auf den Monitoren auftaucht, schreien sie „Buh, du Kommunist!“ Nein, sie sei nicht enttäuscht, versichert die 18-jährige Charlotte. „Mal abwarten, wie die Parlamentswahlen im Juni verlaufen.“

Jean-Marie Le Pen braucht etwas länger als seine Anhänger, um das Ergebnis zu verdauen. Ein bisschen Rouge im Gesicht und ein paar markige Sätze im Repertoire, tritt er um 20.45 Uhr aus seiner Villa. Seine Niederlage führt der 73-Jährige auf die „sowjetischen Methoden“ seiner Gegner zurück, die ihn verteufelt, eingeschüchtert und persönlich beleidigt hätten. „Ist Jean-Marie Le Pen etwa verantwortlich für die Kriminalität?“ „Nein“, brüllen die Sympathisanten. „Ist er verantwortlich für die Immigration?“ Nein, nein und nochmals nein.

Balsam für die nationale Seele

Kämpferisch schwört der Bretone seine Getreuen auf die Parlamentswahlen im Juni ein. Das ist Balsam für die geschundene nationale Seele. Die Party inklusive Trinkgelage kann beginnen. Nur nicht für Le Pen. Der kehrt nach seiner viertelstündigen Rede sofort in sein prachtvolles Haus zurück, das er vor vielen Jahren von einem Zementfabrikanten geerbt hat.

Unterdessen versammeln sich rund 5000 Linke auf der Platz de la Bastille. „Wir haben gewonnen. Es lebe die Republik und vor allem die Demokratie!“, ruft eine junge Frau. Nicht, dass sie über den Wahlsieg Chiracs jubeln wollte. Mit dem Schulterschluss gegen die Rechtsextremen sei es endgültig vorbei. Frankreich steckt mitten im nächsten Wahlkampf. Da wird es Zeit, die Fronten zu klären. Nach wie vor hoffen die Linken, dass sich im Juni bei den Parlamentswahlen für sie das Blatt zum Besseren wendet.

Chirac als Retter der Republik

800 Meter weiter, auf der Place de la République, pfeifen die Chirac-Anhänger den unterlegenen Le Pen aus, als der auf den Leinwänden auftaucht. Wenig später erscheint der neogaullistische Staatspräsident mit Ehefrau Bernadette auf der Tribüne, um sich an diesem geschichtsträchtigen Ort als Retter der Republik feiern zu lassen. Musikgruppen heizen die Stimmung an. Ein Mädchen küsst ihren Freund auf den Mund. „Ich liebe Chirac!“, schreit sie. Paris feiert sich ausgelassen.

Eine Chirac-Anhängerin allerdings wird an diesem Abend enttäuscht. Trotz des Dauerregens hat sie sich aufgemacht zum „Tapis Rouge“ (Roter Teppich), der Wahlkampfzentrale des Staatspräsidenten. Doch als sie um 22 Uhr vor dem Haupteingang steht, werden die Türen geschlossen. Nur besonders Auserwählte dürfen die heiligen Räume noch betreten. Die Veranstaltung sei beendet, sagen die Sicherheitsleute. Empört hält die Farbige ihr durchnässtes Schild hoch: „Chi Chi Président“. Erneutes Kopfschütteln. „Die Party findet auf der Place de la République statt, Madame.“ Daraufhin verdreht Madame die Augen. Für sie finde die Party hier in der Rue du Faubourg Saint Martin statt, schimpft sie. Das sei wieder typisch für die politische Klasse. „Da hätte ich heute lieber Le Pen meine Stimme geben sollen!“

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