21.07.2002 · Der Attentäter gegen Staatspräsident Chirac, geistig verstört? Diese Deutung würde der politischen Szene, vor allem den Rechtsradikalen, gut passen.
Von Ladislas SolerMancher französische Politiker aus dem rechten Spektrum würde den 25-jährigen Maxime Brunerie, dessen Mordanschlag auf Frankreichs Staatspräsidenten Jacques Chirac am Mittwoch fehlschlug, gerne in der geschlossenen Anstalt sehen.
In der Tat soll ein Psychiater der Polizei festlegen, ob Brunerie zur Verantwortung gezogen werden kann. Wird er als psychisch krank eingestuft, so entwischt er jeglichem gerichtlichen Verfahren. Im anderen Fall droht ihm eine lebenslängliche Haftstrafe. Vor allem aber würden vor Gericht seine Beziehungen zur rechten Szene in ein neues Licht gerückt werden.
Brauner Mob
Die brennende Frage lautet nämlich: Richtet sich der Prozess gegen einen isolierten Extremisten oder gegen den gesamten Rechtsextremismus in Frankreich? Zwar bevorzugt die Polizei die These des vereinzelten Täters und lehnt jegliche Spekulationen über eine rechtsextreme Verschwörung ab. Andererseits steht Brunerie mehreren neonazistischen Gruppierungen nahe. Einer der Ermittler hat in der Tageszeitung „Le Figaro“ darauf hingewiesen, dass die Bewegungen, denen Brunerie angehört, „gefährlich sind, weil sie in ihren Reihen Leute aufnehmen [...], die möglicherweise tatkräftig ihre Überzeugungen verteidigen können“.
Wenn auch keine juristische Verantwortung solcher Kreise nachgewiesen werden kann, so wühlt dieses Ereignis doch ein zweites Mal seit dem Wahlerfolg des Rechtspopulisten Jean-Marie Le Pen den braunen Mob der rechten Szene in Frankreich auf.
Dort war Brunerie schon lange kein Unbekannter mehr. Bereits 1997 lenkte der damals 20-Jährige die Aufmerksamkeit des Informationsdienstes der französischen Polizei durch Auftritte mit Skinheads auf sich. Seitdem findet man seinen Namen bei den meisten Gruppierungen der rechten Szene wieder. Seine Vorliebe für Fußball und Gitarre findet ihren Niederschlag in rechtsradikalen Vereinen: Er ist Anhänger des berüchtigten „kop-Boulogne“, einer Hooligan-Gruppe, die durch rassistische Sprüche und den Hitler-Gruß regelmäßig von sich reden macht. Außerdem lebt Brunerie seine Musikleidenschaft in den Kreisen eines rechtsextremen Rock-Labels aus, das unter dem Deckmantel eines CD-Vertriebs nationalistische und antisemitische Texte verbreitet.
Rougerie: Rechtsaktivist
Bruneries Werdegang zeugt auch von intensivem politischem Engagement. Er wurde bei mehreren Veranstaltungen der Französischen und Europäischen Nationalistischen Partei (PNFE), einer neonazistischen Splittergruppe, gesehen. Der von seinen Eltern als „ruhig“ beschriebene Student ist auch Mitglied der rechtsradikalen Studentenvereinigung „Groupe Union Défense“ (Gruppe für Union und Verteidigung) seit 1999 und kandidierte 2001 für die rechtsradikale Partei MNR bei den Gemeindewahlen im 18. Pariser Arrondissement.
Vor allem zeugt seine Mitgliedschaft bei der „Unité radicale“ („Radikale Einheit“ / UR) von seiner Verankerung in der europäischen Neonazi-Szene. 1998 entstanden, bildet dieser politische Verband den Versuch, die Splitterungen der französischen rechtsextremen Bewegungen zu vereinen und die verschiedenen europäischen Bewegungen enger zu verbinden. Unter anderen war zum Beispiel der Rechtsanwalt der NPD, Horst Mahler, im April 2002 bei einer Versammlung der UR.
Rechte Parteien in der Klemme
Der rechtsradikalen Partei MNR brachte das Attentat gegen Chirac auf jeden Fall schlechte Presse. Weniger bekannt als die „Front National“ von Jean-Marie Le Pen, ist die National- und Republikanische Bewegung (MNR) radikaler, versucht jedoch nach außen treu zur Republik zu erscheinen.
Die persönliche Nähe des Attentäters zur UR und zur MNR sind ihrem Vertreter ein Dorn im Auge. So distanzierte sich MNR-Chef Bruno Mégret vor Tagen umgehend von der Tat des jungen Brunerie. Er betonte, seine Partei würde „jede Form des Extremismus und des Aktivismus kategorisch ablehnen“ und bezeichnete dabei den Anschlag als „das Werk eines psychisch Gestörten.“ Auch Le Pen lehnte jegliche Beziehung zwischen ihm und dem „irren“ Attentäter.
Beide würden gern verhindern, dass die Diskussion um den Rechtsextremismus in Frankreich neu entflammt und in der Folge weitere Beziehungen zwischen ihren Parteien und neonazistischen Bewegungen beleuchtet werden.
Aus anderen Gründen versuchen sowohl die linken als auch die rechtsbürgerlichen Politiker dem Thema die Spitze abzubrechen. Keiner hat es gewagt, die Rechtsextreme an den Pranger zu stellen, um das Trauma der Präsidentenwahlen im April weiter verdrängen zu können.