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Fraktur : Satire darf alles!

Deutsch-türkische Verstimmung: Wie große Kunst zu einer großen Beziehungskrise führen kann. Bild: Wilhelm Busch

Doch Böhmermann-Adepten, aufgepasst: Natürlich darf nicht jeder Satire.

          Böhmermann, geh du voran! Seit der Satiriker wahrhaften Mannesmut vor einem Sultansthron gezeigt hat, obwohl ihm Salman Rushdies Schicksal doch vor Augen stehen musste, weiß nun endlich die ganze Republik (und sogar noch die ganze Türkei), was eine Schmähkritik ist. Böhmermann ist damit jener Akt der Aufklärung gelungen, um den sich im Internet unzählige Trolle und andere Nachtschattengewächse seit Jahren bemühen, ohne je solche Brillanz erreicht zu haben. Aber es gibt auch kritische – in Wahrheit: neidische – Stimmen, die behaupten, das Erdowahn-Gedicht sei entgegen Böhmermanns Behauptung, was ja wieder typisch für ihn wäre, gar keine Schmähkritik gewesen, sondern Kunst.

          Herrgott, das ist ja fast wie bei Putin! Es wird so lange dies und das und auch noch das Gegenteil von beidem behauptet, bis keine Ziege und kein Schaf mehr weiß, was eine Schmähung/Lüge/Invasion und so weiter ist und was nicht. Wie soll man eigentlich noch jemanden richtig beleidigen, wenn der zu Beleidigende jederzeit annehmen muss, dass es gar nicht um seine Beleidigung geht (was, bei Lichte besehen, dann doch wieder beleidigend ist), sondern um einen weit höheren Zweck wie die Wahrung der Meinungsfreiheit oder die Schaffung eines neuen Kunstwerkes, an das man sich noch in Jahrtausenden erinnern wird?

          Man stelle sich nur die Szene vor, wenn in ferner Zukunft die Nachricht um die Welt jagt, Archäologen hielten es nach Freilegung einer Mediathek aus der frühen Silikonzeit auf dem Lerchenberg für möglich, dass hinter der Aufzeichnung des ZDF-Wunschkonzerts der Volksmusik noch ein Meilenstein der Satire gefunden werden könnte, nach dessen Entdeckung die Geschichte des 21. Jahrhunderts – schon wieder! – in großen Teilen umgeschrieben werden müsste.

          Denn die Methode Böhmermann-Putin (Ehre, wem Ehre gebührt) macht ja gerade Schule. Ganz böswillig, also ganz große Kunst, ist die Behauptung, die Deutschen seien auch in Sachen Satire eine Nation von Trittbrettfahrern. Es ist doch eher so, dass Böhmermann, der Bismarck unter den Satirikern, die Deutschen unter dem Banner der Satire geeint hat wie kein Spötter vor ihm. „Satire darf alles!“ rufen jetzt selbst Leute, die Tucholsky für den Eigentümer von H&M halten.

          Doch Böhmermann-Adepten, aufgepasst! Dass Satire alles darf, heißt freilich nicht, dass jeder Satire darf. Nehmen wir mal Erika Steinbach, diese – Achtung, jetzt kommt wieder Kunst, wenn auch viel kleinere als aus dem Atelier Böhmermann – Kuh, die glaubte, sie könne sich dem Thema Flüchtlinge mit einer satirischen Bemerkung zu einem Foto nähern. Die Steinbach kann’s einfach nicht. Sie hätte sich ein Beispiel an den Tweets nehmen sollen, die Böhmermann über sie abgesondert hat, in denen es nur so von eingeölten, holzharten Homosexuellenkörperteilen pimmelt. Oder war auch das nur ein Fake? Klar, zur Kunstfertigkeit des Meisters hätte Steinbach es natürlich nicht gebracht. Wenigstens hätte sie aber sagen sollen, dass es sich bei dem gezeigten blonden Mädchen um ein uneheliches Kind Erdowahns handele und dass das Ganze nur der hehren Absicht diene, dem deutschen Volk vorzuführen, was eine unerlaubte Volksverhetzung sei. Dann hätte es gar nicht heißen können, das sei so „widerlich, rassistisch, hetzerisch“, dass sie aus ihrer Partei ausgeschlossen gehöre. Stattdessen hätte sie wahrscheinlich den Grimme-Preis bekommen.

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