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Fraktur : Jamaika und die Wortspiel-Hölle

Unser Vorschlag: Das Titelbild für den Koalitionsvertrag Bild: Jan Rieckhoff

8500 Kilometer, aber zum Glück mit Regenjacke: Bei Jamaika ist den deutschen Politikern keine Metapher heilig.

          „Der Weg nach Jamaika ist weit“, „Deutschland ist reif für die Insel“ oder, wenn einem gar nichts mehr einfällt, irgendwas mit Joints: Deutschland sondiert sich noch zu Tode, aber in der Wortspiel-Hölle ist das Land schon längst angekommen. Und die ist so verzehrend und heiß, dass der „Schulz-Zug“ (ja, so was gab’s mal) eine lahme Draisine dagegen war und man am liebsten nur noch rhythmisch mit dem Kopf gegen die Kokospalme schlagen würde, wenn die eben nicht so weit weg wäre (8500 Kilometer).

          Und als wäre all das nicht schon schlimm genug, ist es natürlich ausgerechnet Andrea Nahles, die dem Ganzen wieder die Dreadlocks aufsetzt und nicht nur den Balkon-Rauchern in Berlin, sondern auch der Metapher als solcher mal so richtig eins in die Fresse gibt: „Die Jamaikaner schippern ohne Kompass auf der See, kreuzen dieses und jenes Thema, aber wissen nicht, wo sie Anker werfen wollen“, sagte sie neulich der „Passauer Neuen Presse“ – als ob das Schippern ohne Kompass gerade nicht ebenso auf die SPD zuträfe, für die man übrigens das alte Wort „Feind, Todfeind, Parteifreund“ erfinden müsste, wenn es nicht schon existierte und von „den Sigmar machen“ längst link überholt worden wäre.

          Aber gut, wir halten fest: Offenbar gibt es ein großes Bedürfnis, mit an den Rastas herbeigezerrten Vergleichen etwas griffig zu machen, was längst nicht mehr griffig, sondern so zerfasert ist wie das Jerk pork in einem ausgedienten Ölfass in Kingston. Denn wer bei klarem Verstand traut sich schon noch zu bestimmen, was von dem programmatischen Treibgut, das jetzt am jamaikanischen Strand angespült wird und sich nach der langen Zeit im knietiefen Sondierungsschlamm teils schon bis zur Unkenntlichkeit aufgelöst hat, noch zu welcher Partei gehört? Mal abgesehen davon, dass der Strand, aus der Nähe betrachtet, nicht mal halb so paradiesisch ist, wie es aus der Ferne den Anschein hatte.

          „In Jamaika stehen nicht nur Sonnenliegen“

          Doch genug der Trübsal, sonst wird man am Ende noch so depressiv wie Horst Seehofer nach einem Söder-Auftritt bei der Jungen Union. Lieber wollen wir an dieser Stelle etwas dazu beitragen, dass die Jamaika-Vergleiche bald Geschichte sind, wie vielleicht ja auch die ganze „historische“ Koalition selbst. Denn die will schließlich vor allem die FDP so sehr nicht, dass sie vor lauter „Neuwahl-Gerede“ (Robert Habeck) kaum dazu kommt, die „dornigen Chancen“ zu nutzen und im Gespräch zu überzeugen, „durch Leistung, gerade auch durch Kompetenz, die nicht akademisch domestiziert ist“, auf dass Angela Merkel noch die zerzauseltsten Enden mit unbewegter Miene „zusammenbindet“.

          Aber wir schweifen ab, es ging ja um die lästigen Jamaika-Wortspiele, nicht um die höchste verbale Erregungsstufe der Kanzlerin. Also: Es müssen endlich andere, griffige Bilder her, sonst fällt noch dem gechilltesten Reggae Man der Joint aus der Hand. Vielleicht so: Der Weg zu Neuwahlen ist eine dunkle, unbeleuchtete Sackgasse, an deren Ende die AfD mit dem Baseball-Schläger auf all jene wartet, die nicht schnell genug „Obergrenze“ gesagt haben. Oder: Wer mit Horst Seehofer in der Parlamentarischen Gesellschaft nach oben zur Sondierung fährt, könnte mit Markus Söder wieder hinunterfahren, sobald der Erste in der Runde das Wort „fertig“ gerufen hat.

          Und wie wäre es mit: Angela Merkel ist wie ein lange unsinkbares Schiff auf seiner letzten Ausfahrt vor Montego Bay, als ein Sturm anrollt. Noch wirkt alles friedlich, doch die Wellen beginnen sich schon zu kräuseln; es sind Warnzeichen, die man nicht ignorieren darf. Denn wenn der Sturm schließlich mit Macht kommt, tut man gut daran, schon im Hafen zu sein, sonst überspülen einen die Wellen. Es kommt nur auf den richtigen Zeitpunkt an.

          Also gut, vielleicht sind Jamaika-Vergleiche ja doch nicht das Schlechteste. Und deshalb möchten wir mit Julia Klöckner schließen, die sich gerade mit Stürmen bekanntlich gut auskennt: „In Jamaika stehen nicht nur Sonnenliegen. Da kann es auch mal Sturm geben, und deshalb haben alle ihre Regenjacken dabei.“ Trotzdem könnten am Ende alle nass werden.

          Quelle: F.A.Z.

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