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Wunderbare Weidel: Diese Mischung haben wir vorher nur ein einziges Mal gesehen. Bild: Wilhelm Busch

Fraktur : Wunderbare Weidel

Stimmt Kahrs’ kühne These, dass Hass hässlich macht? Jedenfalls macht er beweglich.

          Noch ist Polen nicht verloren. Ungarn auch nicht. Nicht einmal die SPD! Denn endlich hat sich der lang vermisste Enkel Herbert Wehners offenbart. Das ist keine begehrte Rolle in einer Partei, in der alle lieber direkt von Willy Brandt abstammen. Doch einer muss eben den Rausschmeißer machen. Und das ist nun, man glaubt es kaum, Johannes Kahrs.

          Der sorgte endlich wieder einmal für Bewegung im Bundestag, und zwar naheliegenderweise bei der Partei, die sich ohnehin eher als Bewegung versteht und Kahrs daher eigentlich dafür dankbar sein müsste, dass er sie auf Trab hielt. Zudem ist gerade bei älteren Semestern Bewegung ja gut für die Gelenke.

          Dennoch war es erstaunlich, dass die AfD-Abgeordneten sofort nach Kahrs’ Befehl („Schauen Sie in den Spiegel“) losmarschierten, als sei der SPD-Rechte ihr Generalissimus und nicht Gauland. Wollten die Deputierten im Bundeswaschraum überprüfen, ob Kahrs’ Behauptung („Hass macht hässlich“) wirklich stimmt? Dazu hätte ihr kurzes Austreten gerade gereicht.

          Ein bisschen länger hätten sie freilich schon weg bleiben können, um ihre Empörung über Kahrs’ Äußerungen glaubhaft erscheinen zu lassen. Möglicherweise fürchtete der eine oder andere aber auch um das Sitzungsgeld, das das System auch jenen überweist, die es abschaffen wollen (das System, nicht das Sitzungsgeld). Die Damen und Herren Abgeordneten von der AfD sind ja noch relativ neu in diesem Geschäft und vermutlich noch immer von der Großzügigkeit des Systems überrascht.

          Stimmt Kahrs’ kühne These vielleicht doch?

          Erstaunlich war auch, dass keiner der Rückkehrer dem Wehner-Enkel vorwarf, seine Behauptung stimme nicht – wo der Lügenvorwurf doch zum Standardrepertoire der AfD gehört. Stimmt Kahrs’ kühne These vielleicht doch? Oder sind die Spiegel im Bundestag schon alle blind?

          In dem ganzen Tumult mit anschließender Rüge für Kahrs und den Sitzungspräsidenten Friedrich ging nicht nur unter, dass auch die Grünen-Fraktionsvorsitzende Göring-Eckardt, immerhin eine ehemalige Vizepräsidentin des Hohen Hauses, ungerügt (Doppelstandards!) von „Arschlöchern“ sprechen durfte, auch wenn sie damit nicht direkt die Kolleginnen und Kollegen von der AfD meinte.

          In den meisten Hauptstrommedien blieb auch unerwähnt (Zufall?), was uns besonders faszinierte: wie wunderbar die AfD-Fraktionschefin Weidel mit dem Fuß aufstampfte, bevor sie den Saal verließ. Diese Mischung aus Wut und Eleganz haben wir zuvor überhaupt nur ein einziges Mal gesehen, und das ist schon sehr lange her. Allerdings handelte es sich damals im Kindergarten nicht um eine Alice, sondern um eine Yvonne.

          Verglichen mit Weidels Fußstampfer – sie hat gar keinen Huf! –, war das Zuklappen des Redemanuskripts, mit dem FDP-Chef Lindner seine unglaublich echt wirkende Erregung unterstrich, eine matte Sache. Weidel dagegen verdient für ihre Nummer sowohl bei der A- wie bei der B-Note eine 6,0.

          Die Mutter der parlamentarischen Reglosigkeit

          Ganz ohne Training sind solche Höchstleistungen wohl kaum möglich. Vielleicht stampft Weidel ja auch dauernd unter ihrem Pult im Plenum auf, nur sieht man das dort eben nicht. Möglicherweise strampelt selbst die Mutter der parlamentarischen Reglosigkeit, Angela Merkel, in der Regierungsbank wie verrückt, ohne dass wir das mitbekommen. Dann müssten all jene Abbitte leisten, die behaupten, Merkel werde, wie auch ihr Entdecker Kohl in seiner Spätphase, immer mehr zum Buddha.

          Im Sinne der Fairness und der demokratischen Transparenz fordern wir daher die Installation und den Betrieb von Fußraumkameras im Reichstag. Es kann doch nicht sein, dass wir inzwischen jedes doofe Fußballspiel aus siebzehn Perspektiven und mit Zeitlupe und Zeitraffer anschauen können – bei Übertragungen aus der Herzkammer unserer Demokratie aber immer noch mit Aufnahmen wie aus den Zeiten abgespeist werden, als die Bilder laufen lernten.

          Da dies dank Kahrs nun auch die AfD von sich behaupten kann, muss der Reichstag kameratechnisch dringend aufgerüstet werden. Dann könnte man endlich auch sehen, ob jene Paare, die sich rhetorisch gerne Fußtritte verpassen, unter dem Tisch vielleicht miteinander füßeln.

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