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Fraktur : Der verscheuerte Minister

Uns bleibt nur schonungslose Selbstkritik: Das war wirklich beSCHEUERt!

          Heute müssen wir an dieser Stelle schonungslose Selbstkritik üben. Es war natürlich im wahrsten Sinne des Wortes beSCHEUERt, dass unsere Marketingabteilung neue Leser mit der Teilnahme an einem Bürgerdialog des Bundesverkehrsministers ködern und treue Abonnenten damit belohnen wollte. Wen bitte sollte ein Dialog mit Scheuer, der an einem Tag der Offenen Tür sowieso jedem offensteht, denn hinter dem Ofen oder gar der Zeitung hervorlocken, noch dazu bei dieser Hitze?

          Wenn unsere Verlagskollegen „Kochen mit der Kanzlerin“ angeboten hätten, „Sauren Hering essen mit Stegner“ oder vielleicht ein Selfie mit Özil und Erdogan, dann hätten wir uns gewiss vor Probe-Abos nicht retten können. So aber mussten wir schon froh sein, dass es wegen der Drohung, an einem Gruppengespräch mit dem Stauminister teilnehmen zu müssen, keine Abbestellungen gab, sondern nur Nachfragen von den lieben Kollegen, die es – wir wissen ja nicht, wie es in deren Häusern zugeht – tatsächlich für denkbar hielten, dem Minister sei auch noch Geld angeboten worden.

          Hat Scheuer sein Ministerium im Griff?

          Die größten Sorgen um den Verfall der journalistischen Ethik machte sich wie immer die „Bild“-Zeitung, dieses Mal unter der Überschrift „FAZ verSCHEUERt den Minister“. Das war „unnachahmlich“, wie ein Mediendienst lobte, nämlich abermals die reine und ganze Wahrheit, wenn man von den kleinen Nebenaspekten absieht, die in einem Blatt mit großen Buchstaben einfach keinen Platz haben. Denn wer etwas verscheuern will, muss es ja erst einmal besitzen, und dann, wenn er es „verscherbelt“ hat, wie es bei „Bild“ weiter hieß, wenigstens ein paar Cent dafür bekommen. Außerdem müsste ein verSCHEUERter Scheuer jetzt auch weg sein. Zweifellos wäre es interessant gewesen, den aktuellen Marktwert Scheuers zu erfahren. Dennoch hätte man schon von einem Erwerb des Ministers abraten müssen, und das nicht nur wegen dieser alten Sache mit seinem „kleinen Doktor“.

          Denn nun stellt sich ja auch noch die Frage, ob Scheuer sein Ministerium im Griff hat. „Bild“ zitierte eine Sprecherin des Ministers mit dem Satz: „Die Aktion ist weder im Wissen des Ministers noch in seinem Sinne erfolgt.“ Weder im Wissen noch im Sinne? Das zuständige Referat des Verkehrsministeriums hatte in dieser Angelegenheit über Wochen hinweg mit unserer Marketingabteilung korrespondiert und dabei keine Mühe geSCHEUERt, den Minister in dieser „Aktion“ gut zu präsentieren. Auf die Idee, etwas zusätzliche Werbung für eine Zusammenkunft des Souveräns mit seinem Minister könne Sünde sein, kam man aber auch dort offenkundig nicht. Was wäre das auch für ein Triumph gewesen, wenn der Boulevard am nächsten Tag gemeldet hätte: „SCHEUERsation! Fünfmal so viele Bürger bei SCHEUER wie bei Seehofer!“

          Das Bild noch etwas größer

          Wie dem auch sei: Aus Scheuers Ministerium hieß es jedenfalls, man wolle „gern die Kooperation zum Tag der offenen Tür“ mit unserem Haus eingehen. Am Schluss erreichte unseren Verlag sogar der (nicht erfüllte) Wunsch, den Minister in der Anzeige noch etwas größer erscheinen zu lassen, jedenfalls sein Konterfei. Und das soll nicht im Sinn des Chefs gewesen sein? Das wäre doch ziemlich untypisch, besonders für einen CSU-Mann.

          Das alles klingt natürlich schon etwas beSCHEUERt. Doch zum Glück hat der Minister sich gleich nach Amtsantritt einen ehemaligen „Bild“-Redakteur an die Spitze seiner Kommunikationsabteilung geholt (zu der auch das besagte Referat gehört). Und der wird jetzt doch ganz gewiss dafür sorgen, dass nicht noch einmal der Eindruck entstehen kann, Scheuer habe zu irgendeiner Zeitung ein besonderes Verhältnis, schon gar nicht zu einem Boulevardblatt, das auf seine jeweiligen politischen Favoriten aufpasst wie ein Schießhund, jedenfalls solange die im Paternoster noch mit nach oben fahren.

          Auch unser Haus hat natürlich aus der Sache gelernt und bittet die ehemaligen Bundesminister Gröhe und Hendricks um Entschuldigung, dass die vorausgegangenen „Aktionen“ mit ihnen vollkommen unbemerkt geblieben sind, jedenfalls von den besorgten Wettbewerbern, die sonst jeden Fall eines missbrauchten Ministers restlos aufklären.

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