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Glühendes Bekenntnis: Oder Brandmarkung eines Brandstifters? Bild: Wilhelm Busch

Fraktur : Ist Gauland ein Bonsai-Hitler?

Wie man beim Brandmarken eines Brandstifters in die Bredouille geraten kann.

          Hach, was war das wieder für eine aufregende Woche! Abermals ist es unserem Blatt gelungen, eine äußerst lehrreiche Debatte anzustoßen. Wir hatten am vergangenen Samstag in unserer offensichtlich vielbeachteten Rubrik „Fremde Federn“ einen Text eines uns ziemlich fremden Fremdautors, Alexander Gauland, abgedruckt, der darlegte, was der politische Populismus sei.

          Auf diesem Gebiet ist der AfD-Vorsitzende schließlich Spezialist, wie auch in der Kunst der Selbstentlarvung. Der nun nicht gerade als Rechtsextremist bekannte Jakob Augstein nannte das Stück „einen klugen Text über die deutsche – und die westliche – Misere“. Aber da wusste er möglicherweise noch nicht, dass Gauland wie Hitler argumentiert hatte, wie noch klügere Historiker in großer Aufmachung im „Tagesspiegel“ behaupteten, nachdem der anonym bleiben wollende Twitter-Nutzer „@znuznu“ auf Ähnlichkeiten zur Rede des damaligen Reichskanzlers im November 1933 hingewiesen hatte.

          Ein Gau beim Gauland-Geißeln?

          Auch wenn Gauland abstritt, diese Rede aus der frühen Vogelschiss-Epoche gekannt zu haben, war danach natürlich das Braune am Dampfen – erst recht, als Leser des „Tagesspiegels“ ihre Zeitung darauf hinwiesen, dass Gaulands Text stellenweise wie ein Ei dem anderen einem Artikel glich, den ein Gastautor schon 2016 geschrieben hatte, ohne dass er damit vergleichbares Aufsehen erregt hätte.

          Dieses Stück war freilich nicht bei uns erschienen, sondern im „Tagesspiegel“. Das hatte das aufstrebende Berliner Blatt im Eifer des Entlarvungsgefechts zunächst vergessen. Ein Gau beim Gauland-Geißeln? I wo! Ein auch in dieser Bredouille bemühtes Axiom besagt ja, dass es noch lange nicht dasselbe ist, wenn zwei Fremdautoren das Gleiche schreiben.

          In anderen Blättern, die nicht so auf Hitler fixiert waren, konnte man lesen, Gauland habe sich gedanklich bei linken Globalisierungskritikerinnen wie Naomi Klein, beim legendären Soziologen Ulrich Beck und sogar noch bei Donald Trump bedient. Sollten am Ende auch die bei Hitler abgekupfert haben? Uns erinnerte Gaulands Herumreiten auf dem Klassenbegriff in seinem populistischen Manifest auch noch an Marx und Engels. Hat Hitler seinerseits vielleicht von denen abgeschrieben?

          Selbst der Hinweis, die von Gauland gebrauchten Argumentationsmuster könne man auch bei Stalin finden, hielt erregte Zeitgenossen jedenfalls nicht davon ab, Gauland „als eine Art ,Bonsai-Hitler‘ zu brandmarken“, obwohl der frühere SPD-Vorsitzende Gabriel ausdrücklich davor gewarnt hatte – das würde Hitler verniedlichen und Gauland überhöhen. Wie wahr!

          Brandstifter im Biedermann-Sakko

          Doch nehmen wir einmal ohne jede Verniedlichung und Überhöhung an, Gauland habe – was er ebenfalls bestreitet – nur vom „Tagesspiegel“ abgeschrieben, dem er bis 2012 als Kolumnist diente, und nicht direkt von Hitler. Dann stellt sich ja immer noch die Frage, ob man ihn überhaupt als „Fremde Feder“ in der F.A.Z. schreiben lassen darf, so wie es Politiker aller anderen in den Deutschen Bundestag gewählten Parteien schon durften.

          Der ehemalige CDU-Generalsekretär Polenz meinte nein und kündigte daher am Montag um 23.31 Uhr öffentlich sein Abonnement, weil uns die Maßstäbe für eine wehrhafte Demokratie abhandengekommen seien. Gauland sei ein Feind derselben. Für den Fall der Machtübernahme habe er Säuberungen in den Medien angekündigt. Und so einen lässt die F.A.Z. schreiben!

          Diese Begründung war natürlich einigermaßen deprimierend. Denn da sieht man einmal wieder: Man kann sich die Finger über den Brandstifter im Biedermann-Sakko wundkommentieren – das erschrockene Establishment aber hat nur Augen für den Gauland (beziehungsweise Hitler) im Original. Wir würden uns zur Verteidigung natürlich am liebsten auf Voltaire berufen. Sie wissen schon: „Ich verachte Ihre Meinung, aber ich gäbe mein Leben dafür, dass Sie sie sagen dürfen.“

          Doch erstens wird uns auch das kaum den verlorenen Polenz als Abonnenten zurückbringen. Denn der füllt seine Abende jetzt offenbar lieber damit, der AfD Stoff für die Behauptung zu liefern, „das System Merkel“ versuche mit allen Mitteln, ihm unliebsame Meinungen zu unterdrücken. Und zweitens ist auch im Fall Voltaire umstritten, wer diesen vielzitierten Satz erstmals gesagt oder geschrieben hat. Mit einer gewissen Sicherheit wird man aber wohl behaupten können, dass das glühendste Bekenntnis zur Meinungsfreiheit jedenfalls nicht von Hitler stammt.

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