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Fraktur : Die tollste Form des Journalismus

Von wegen Schreibknechte: Frühe Blogwarte beim Bewachen der Pressefreiheit Bild: Wilhelm Busch

Hosen voll schon vor dem Shitstorm: Der Blogwart lässt die Politik erzittern.

          Heute müssen wir uns einmal mit unserer eigenen Branche beschäftigen, in der ja auch nicht alles in Butter ist. Welcher Journalist hat nicht schon seine Mutter seufzen gehört: „Ach Bub, hättest du doch etwas Gescheites gelernt!“? Also zum Beispiel Büchsenmacher bei Heckler & Koch. Oder wenigstens etwas mit Zukunft studiert wie Bergbau oder Reaktortechnik. Doch so eine strahlende Karriere stand nicht jedem offen. Viele von uns haben sich bei Zeitungen oder gar beim Fernsehen verdingen müssen, weil es zu etwas Richtigem, etwa zum Ingenieur, nicht reichte. Dieses journalistische Prekariat ist bis zum Ende seines Berufslebens zum „Dilettieren auf hohem Niveau“ verurteilt, wie ein geschätzter Diplomat einmal über unsere und – wie gesagt, ein Diplomat – seine Profession befand.

          Manche Journalisten schlugen die Laufbahn bei der Lügenpresse aber auch aus voller Absicht ein, weil man dann immer alles besser wissen kann, ohne es unter Beweis stellen zu müssen. Denn so dumm wie jene, die in die Politik gehen, sind Journalisten auch wieder nicht.

          Anders als etwa bei den Zahnärzten, Dachdeckern und Metzgern kann ein angehender Journalist auch von niemandem daran gehindert werden, Journalist zu werden, wenn er das einmal beschlossen hat. Journalist ist nämlich keine geschützte Berufsbezeichnung, was die Trollhorden im Netz zu der Annahme verleitete, Journalisten seien Freiwild. Dabei bedeutet das nur, liebe Trolle, dass sich jeder Mensch Journalist nennen darf, der das will. Und das wollen erstaunlicherweise immer noch ganz viele, obwohl der Journalist in der Allensbacher Berufsprestige-Skala noch hinter dem Unternehmer und dem Pfarrer kommt. Der Fernsehmoderator steht sogar unter dem Politiker, aber immerhin auf einer Stufe mit dem Banker. Den Sonderfall des Publizisten haben wir nicht einmal im Keller dieser Liste gefunden. Ein Publizist ist nach der Definition eines früheren Kollegen ein arbeitsloser Journalist. Man sollte freilich vorsichtig sein mit solchen Definitionen, denn auch das Schicksal neigt zur Ironie.

          Ist, dieser Logik folgend, ein Blogger dann ein arbeitsloser Publizist? Das würden wir nie behaupten wollen, denn sonst käme wahrscheinlich die Mutter aller Sch...stürme über uns wie damals Katrina über New Orleans. Blogger verstehen Spaß meistens nur dann, wenn sie über andere herziehen. Sie sind oft noch dünnhäutiger und zorniger als wir Schreibknechte, die in die Dienste eines herrschenden Verlagshauses getreten sind, damit wir es im Winter warm haben, obwohl selbst das nicht mehr gewährleistet ist, von einer sicheren Betriebsrente ganz zu schweigen.

          Doch selbst die Unterbringung in zugigen Redaktionsstuben mit einem unverbaubaren Blick auf die Altersarmut hat ihren Preis. Wie heißt es doch: Wes Brot ich ess, des Gloss’ ich schreib. Diese Zeitung ist natürlich eine Ausnahme, denn sie hat keinen geld- und machtgierigen Verleger. Wir können unsere Anweisungen daher direkt und unverzerrt von der CIA entgegennehmen.

          Der Blogger dagegen ist frei, unabhängig und – weil er bei niemandem in Lohn und Brot steht – unterernährt, also immer hungrig auf die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Er ist transparent wie Milchglas. Er darf alles schreiben, posten und twittern, was ihm ein- und in die Hände fällt. Denn wenn ihm einer krumm oder gar mit dem Staatsanwalt kommt, muss er nur „Angriff auf die Pressefreiheit!“ schreien, dann haben die Politiker bis hinauf ins Bundeskabinett schon die Hosen voll, noch bevor der Shitstorm losbricht.

          Der Bloggerismus ist also eindeutig die tollste Form des Journalismus. Es kann somit gar nicht mehr lange dauern, bis die Liste der beliebtesten Berufe in Deutschland einen neuen Spitzenreiter hat: den Blogwart. Er steht für eine Macht, mit der sich niemand anlegen will, wovor mancher Blogger sogar ganz ausdrücklich warnt. Wir schreiben daher hier auch nicht, woran uns das erinnert. Sonst müssten am Ende auch noch wir die Pressefreiheit für uns reklamieren.

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          Quelle: F.A.Z.

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