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Fraktur : So viel Dank war nie

Mitfühlende Mutter Merkel: Doch Minderheit ist Mist! Bild: Wilhelm Busch

Es fehlte eigentlich nur noch, dass der Cem dem Horst bei einem Joint das „du“ anbot.

          So viel Dank war nie in der Politik. Die Dankesorgie brach aus, als am Sonntag kurz vor Mitternacht in Berlin die FDP-Führung das Lokal wechselte. Natürlich hätte es genügt, wenn die verbliebene Runde danach das alte Lied angestimmt hätte: Mutti ist die Allerbeste! Aber dann wäre dieses Festival der Liebe und des wachsenden gegenseitigen Verständnisses ja wirklich schlagartig vorbei gewesen, weswegen die verbliebenen Sondierer, die sich in fünf Wochen so aneinander gewöhnt hatten, lieber die ausführliche Variante wählten.

          So dankte also Seehofer Merkel, Roth Merkel (inklusive Umarmung), Göring-Eckardt Merkel, Göring-Eckardt Özdemir, Özdemir Merkel und Özdemir, so schloss sich der Kreis, Seehofer, das sogar „ausdrücklich“. Es fehlte eigentlich nur noch, dass der Cem, über den spekuliert wird, er schlafe schon in schwarz-rot-goldener Bettwäsche, dem Horst bei einem Joint das „du“ anbot.

          Und dieses Bussibussibündnis hätte nicht funktionieren sollen? Die beknackten Knackpunkte waren doch fast schon alle geknackt. Seehofer, offenbar immer noch den Sirenengesang Roths in den Ohren, säuselte sogar, die Gespräche in dieser illustren Runde seien für ihn „eine persönliche Bereicherung“ gewesen. Das sagt er nach Vorstandssitzungen der CSU nicht.

          Und nun? Statt einer schwarz-grünen Liebesheirat (gut, die FDP hätte man als Aschenputtel in Kauf nehmen müssen) droht uns jetzt eine Neuauflage der schwarz-roten Zwangsehe. Wäre da, man weiß ja, wie oft das in einer Gewalttat endet, nicht doch eine Minderheitsregierung vorzuziehen? Dann wüsste Merkel einmal aus eigener Erfahrung, was es heißt, alleinerziehend zu sein.

          Merkel, mitfühlende Mutter der Minderheiten

          Noch besser wäre freilich eine Minderheitenregierung, von der jetzt so oft gesprochen wird. Das wäre endlich wirklich einmal eine Regierung des Volkes. Denn im Grunde besteht Deutschland ja nur aus Minderheiten, von den einbeinigen Veganern über die verfolgten Raucher bis zur gedemütigten FDP. Wo waren denn aber unser angeblich vorbildlicher Minderheitenschutz und das Recht, das eigene Geschlecht selbst zu bestimmen, als die FDP forderte, fortan als Oppositionspartei anerkannt zu werden (obwohl in ihrem Genom doch das Regierungschromosom dominiert)?

          Als mitfühlende Mutter der Minderheiten könnte Merkel aber vielleicht sogar Lindner wieder an ihre Brust ziehen. Der plötzliche Aufbruch vom Sondierungstisch war doch in Wirklichkeit nichts anderes als ein Schrei nach Liebe. Fünf Wochen zuschauen zu müssen, wie Merkel die Göring-Eckardt mit süßem Dinkelbrei füttert und das güldene Haar Hofreiters zu Rasta-Zöpfchen flicht, das hält selbst ein eiskalter Liberaler wie Kubicki nicht aus. Als auch noch Seehofer anfing, mit den Grünen zu kuscheln, mussten bei Lindner die Sicherungen rausfliegen. Im Nachhinein sollte man froh sein, dass es in jener Nacht nur zu einem politischen Amoklauf kam.

          Diese Gefahr ist in München noch nicht ganz gebannt, wo Seehofer, der alte Fuchs, alle Register zieht, um den Anführer der mittelfränkischen Minderheit im Freistaat so lange wie möglich von der Staatskanzlei fernzuhalten. Wer „die Mehreren“ sind, wie man in Bayern sagt, weiß man derzeit in der CSU freilich noch genau so wenig wie in der SPD, in der sich eine schnell wachsende Minderheit vorstellen kann, doch wieder in ein Mehrheitskabinett Merkel einzutreten – wenn ein Mann „nein“ sagt, muss das, wir erleben es gerade wieder, ja noch lange nicht „nein“ bedeuten.

          Der Kanzlerin dagegen kann man sicher glauben, wenn sie sagt, wenn auch nicht ganz so direkt: Minderheit ist Mist. Das weiß ja jeder, der sich in der Schule oder in sonstigen Schulungen auch nur kurz mit dem Schicksal der Menschewiki beschäftigt hat.

          Berthold Kohler: „Fraktur“
          Berthold Kohler: „Fraktur“

          Gesammelte Glossen. Mit Zeichnungen von Wilhelm Busch. Frankfurter Allgemeine Buch, Frankfurt a. M. 2017. 200 Seiten, Leinen geb., 17,90 €.

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          Quelle: F.A.Z.

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