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Fraktur : Tag der Sanktionen

Unerfreulich für Erdogan: Wir könnten ihm Claudia Roth schicken Bild: Zeichnung von Wilhelm Busch

Wir werden nicht bei Erdogan einmarschieren. Für gänzlich wehrlos sollte er uns aber nicht halten.

          Dass Sanktionen etwas sehr Unerfreuliches sein können, weiß bei uns jeder Ehemann, der schon einmal zu spät vom Schafkopfen, aus der Shisha-Bar oder von der Männerselbsthilfegruppe zum Thema „Wie zwinge ich meine Ehefrau nicht dazu, mich mit Sanktionen zu belegen?“ nach Hause gekommen ist. Schon bei diesen Beispielen zeigt sich freilich ein Grundproblem des Sanktionierens. Denn wer bestimmt denn, was zu spät ist? Dem Glücklichen, dem beim Schafkopfen ein Herz-Solo-Tout nach dem anderen gegeben wird, ohne dass er etwas dafür kann, schlägt bekanntlich keine Stunde. Und dafür, dass er wider Erwarten Geld nach Hause bringt – oder bis tief in die Nacht verzweifelt versucht, das verlorene zurückzugewinnen –, soll er bestraft werden?

          Gut, im christlichen Abendland wird schon bei der Eheschließung festgelegt, wer fortan die Bestimmerin ist. Im zwischenstaatlichen Verkehr ist das freilich anders. Da gibt es keine klare Über- und Unterordnung, auch wenn Polen und Türken das gelegentlich meinen. Deswegen kann da auch jeder Sanktionen beschließen, wie er grad lustig ist. Und da es gerade sehr lustig zugeht auf dem internationalen Parkett, werfen alle so mit Sanktionen oder jedenfalls deren Androhung um sich, dass man nun langsam auch daran denken muss, den Internationalen Tag der Sanktionen zu begehen; für alles andere haben wir ja schon Gedenktage. Den Schutzpatron dafür könnte und müsste natürlich Sankt Martin machen. Mit ihm geißelt die SPD sich ja auch selbst dafür, dass sie sich zweimal Angela Merkel unterworfen hat.

          Woher kommt nur diese plötzlich auflodernde Lust am Bestrafen? Das Geschäft der Dominas muss geradezu explodieren. Inzwischen fordert sogar Claudia Roth Sanktionen! Es ist ja auch sehr hart, auf dem Nockherberg keine Rolle mehr zu spielen. Die Türken sind der ehemaligen Türkenversteherin freilich schon weit voraus und sanktionieren die Nationalsozialisten, wo immer sie ihrer ansichtig werden, also überall. Das lassen sich freilich nicht alle Nazis so widerstandslos gefallen wie wir (ruhmreiche Ausnahme, wie immer: das heldenhafte Saarland, gefolgt vom fast so heldenhaften Sachsen-Anhalt). Von den holländischen Nationalsozialisten könnten wir das Siegen mit Sanktionen lernen. Wie hieß das noch? Von jetzt ab wird Sanktion mit Sanktion vergolten! Ihr lasst unseren Botschafter nicht mehr rein? Ha, auch der Holländer kann eskalieren: Na bitte, dann raten wir auch unseren anderen Volksgenossen davon ab, Urlaub in der Türkei zu machen!

          Hier zeigt sich aber das zweite Problem mit der Sanktioniererei: Sanktionen haben eigentlich immer zwei Schneiden. Denn natürlich könnten die Türken jetzt damit werben, dass ihre Straßen und Strände holländerfrei sind, um vermehrt Touristen aus Nazideutschland anzulocken, die sich als gute Faschisten in Erdogans geplantem Nachbau von Großdeutschland doch sauwohl fühlen müssten. Eine Disney-Ausgabe der Neuen Reichskanzlei hat er uns ja schon hingestellt. Der Nationalsozialismus scheint jedenfalls im Ausland wieder sehr attraktiv geworden zu sein. Die Russen bauen in einem Freizeitpark für „junge, militärbegeisterte Menschen“ sogar den Reichstag nach, damit die, wie der Verteidigungsminister sagt, lernen können, wie man ein Gebäude stürmt. Das zählt in Putins Reich offenbar zum Bildungskanon.

          Wie groß muss da aber die Enttäuschung bei jungen Russen und Türken sein, wenn sie nach Berlin kommen und wir die Versprechungen ihrer Präsidenten nicht halten können, dass hier vieles, gar alles so ist wie vor achtzig Jahren! Was soll man machen, wir sind einfach nicht mehr so. Unsere Kanzlerin war es sogar nie, sie wuchs schließlich in der DDR auf. Und selbst der Spezialist für deutsche Erinnerungskultur und Fragen der nationalen Schande, Björn Höcke von der AfD, hat noch nicht „Heil Erdogan!“ gerufen, jedenfalls nicht öffentlich.

          Der Türke wird uns also bis aufs Blut reizen können, wir werden einfach nicht bei ihm einmarschieren. Mit was auch: Unsere schönen Leopard-Panzer haben wir ja größtenteils verschenkt, nicht wenige davon an Erdogan. Für gänzlich wehrlos sollte er uns aber dennoch nicht halten. Wir könnten ihm, solange es noch diplomatische Beziehungen zwischen Berlin und Ankara gibt, Claudia Roth als Botschafterin schicken, auch wenn man, einer alten Regel des Sanktionsgeschäfts folgend, nicht gleich mit einem Atomschlag anfangen sollte.

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