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Fraktur : Stolz wie die Griechen

Griechische Hähne: vorbildlich stolz Bild: Wilhelm Busch

Auch wir Deutsche sollten stolzer aus der Krise herausgehen, als wir in sie hineingegangen sind.

          Zweimal hat uns Bundeskanzlerin Merkel diese Woche eingerieben, dass die Griechen ein stolzes Volk sind. Diese Nachhilfe hätten wir wirklich nicht gebraucht. Denn das wissen wir doch schon, seit wir „300“ gesehen haben, diesen wunderbaren Dokumentarfilm, in dem uns Zack Snyder erzählte, wie es damals bei den Thermopylen wirklich war. Leonidas wollte lieber tot sein, als von Xerxes’ Gnaden über ganz Griechenland zu herrschen, was man aus heutiger Sicht nur zu gut verstehen kann. Damals aber gab es noch keinen Hans-Werner Sinn, der den konkurrierenden Marktteilnehmern hätte erklären können, dass die Tempel doch überall gleich sind. So wie der Spartaner Leonidas auf Persien, blickt der Athener Tsipras nun auf die EU. Mit einer letzten Kraftanstrengung, dem Referendum, will er den von ihm eingeleiteten Rückzug Griechenlands in die Antike – notfalls auch nur bis ins Mittelalter – sichern, selbst wenn das seinen eigenen Untergang bedeuten könnte. So gelangt man zu ewigem Ruhm. Wenn man bedenkt, dass nach Leonidas nur belgische Pralinen benannt worden sind, mag man sich gar nicht vorstellen, für was alles Tsipras als Namensgeber herhalten könnte.

          Zum Stolz haben die Griechen auch allen Grund, und das nicht nur wegen Aristoteles, Onassis und Costa Cordalis. Keine andere Kleinmacht hat die Welt in den letzten Jahren so in Atem gehalten wie Athen. Warum bloß haben die Griechen nicht auf die Ökonomen gehört und das exportiert, was niemand besser kann als sie: stolz auf all das zu sein, was sie nicht können? Diese Fähigkeit hätte angesichts der auf der ganzen Welt verbreiteten Unfähigkeit reißenden Absatz gefunden. Selbst ein Perfektionist wie Putin, der bisherige Weltrekordhalter in der Disziplin Volksbefragung, könnte sich noch eine Scheibe von der Tsipras-Truppe abschneiden. Die brauchte zur Abhaltung eines Referendums nur halb so lang wie er. O Göttervater Zeus, warum sind Deine Kinder nicht in allen Dingen so effizient! Allerdings können die Tsiprioten anders als Putin nicht für das gewünschte Ergebnis garantieren, weswegen Varoufakis sogar mit Rücktritt drohen musste. Noch ein Nationalheld, der bereit ist, sich für die Ehre, Würde und Souveränität Griechenlands zu opfern!

          Wann hat es das in Deutschland zuletzt gegeben? Stolz sind wir höchstens auf die Nationalmannschaft, aber auch nur dann, wenn sie nicht geht wie die Gauchos. Dann schämen wir uns. Stolz zählt auch für deutsche Atheisten zu den Todsünden. Doch es muss auch einmal Schluss sein mit dem falschen Anti-Stolz! Wir sollten dem in ein Lob der Griechen gehüllten, aber doch uns Deutschen geltenden Rat der Kanzlerin folgen und unbedingt stolzer aus dieser Krise hervorgehen, als wir in sie hineingegangen sind. Müsste uns das nicht ein paar Milliarden wert sein? Denn ohne das griechische Vorbild werden wir das kaum schaffen.

          Quelle: F.A.Z.

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