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Veröffentlicht: 15.04.2017, 12:20 Uhr

Fraktur Prognosen verbieten!

Warum wir unsere Wahl ohne taktische Erwägungen und aus reinstem Herzen treffen sollten.

von
© dpa Hab ich’s nicht vorhergesagt: Momentaufnahme eines Verlierers. Oder doch eines Siegers?

Bei Wahlen geht es nicht mehr nur darum, wer gewinnt, sondern wer mit seiner Prognose für den Wahlausgang richtig gelegen hat. Das kann so weit führen, dass Kandidaten mit den momentanen Erfolgsaussichten eines, sagen wir: Armin Laschet vor der Wahl überlegen, ob sie ihre Niederlage vorhersagen sollen. So könnten sie im besten Fall Mitleidswähler mobilisieren und womöglich noch die Wahl gewinnen oder, wenn sie doch verlieren, mit einem Siegerlächeln in die Kameras sagen: Hab ich’s nicht gesagt!

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Aber niemand sollte sich heutzutage seiner Niederlage zu sicher sein. Denn mit den Prognosen ist das inzwischen so eine Sache. Einerseits wird behauptet, der Wähler werde immer gläserner, also berechenbarer. Angeblich gibt es im angelsächsischen Raum Wunderfirmen, die schon anhand der Badarmaturen, die jemand online bestellt hat, sagen können, ob sie oder er eher links oder eher konservativ wählt. Wenn dann etwa eine weibliche Person auch schon mal nach einer Suchtberatung gegoogelt hat, kann man angeblich mit achtzigprozentiger Wahrscheinlichkeit sagen, dass sie den FDP-Bundesvorsitzenden Christian Lindner gut findet und auch noch seine Partei.

Andererseits scheinen die Prognosen immer ungenauer zu werden. Zuletzt hat man das im Saarland gesehen, obwohl dort das Verhältnis von Wahlberechtigten zu den von den Umfrageinstituten Befragten nahezu 1:1 ist. Wie kann das sein?

Ein Grund ist sicher, dass Umfragen immer nur „Momentaufnahmen“ sind, was vor allem die Politiker hervorheben, die gerade hinten liegen. Außerdem erstellen die Institute streng genommen gar keine Prognosen, sondern Schätzungen des Wahlverhaltens unter Zugrundelegung längerfristiger Überzeugungen und möglicher taktischer Erwägungen. Zur Wahrheit gehört aber natürlich auch, dass viele Menschen in der sozialen Kältekammer Deutschland noch nicht einmal wissen, ob sie den nächsten Tag überleben – wie sollen sie da auch nur ahnen, was sie in fünf Wochen wählen könnten? Dann gibt es Leute, die sich in der Wahlkabine bewusst erwartungswidrig verhalten, um so die Autonomie des Individuums gegen die Datenkraken zu behaupten.

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Überdies dürfte unter den telefonisch Befragten die Neigung zugenommen haben, die Unwahrheit über ihre Wahlabsichten zu sagen. So können sie sich am Wahlabend mit höherer Wahrscheinlichkeit in ihrer Ansicht bestätigt fühlen, dass die Umfrageinstitute und die Medien wieder mal mit falschen Zahlen operiert hätten, um die Stimmung in ihrem Sinne zu lenken.

Hätten Institute und Medien tatsächlich dieses Ziel, müssten sie heute allerdings das Gegenteil dessen prognostizieren, was sie erreichen wollen. Im Saarland hat das hervorragend geklappt: Je stärker von den Medien in Richtung Rot-Rot berichtet wurde, was selbst „links-rot-grün versiffte“ (Jörg Meuthen) Pressepropagandisten nicht wirklich wollen konnten, desto mehr Wähler fanden sich bereit, gegen ihren eigentlichen Willen die CDU zu wählen, um so den angeblichen Meinungseliten zu zeigen, dass diese – bestenfalls – keine Ahnung haben. Tatsächlich hatten die Meinungseliten sehr viel Ahnung, aber sie durften es um eines höheren Zieles willen wieder mal nicht zeigen.

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Das sind nun alles sehr komplizierte Kalkulationen, die im Zweifel immer dazu führen, dass die Falschen an die Macht gelangen, oder wenn zufällig doch die Richtigen, dann aus den falschen Gründen. Das Beste wäre daher, man verböte alle Prognosen, jede politische Berichterstattung und auch alle politischen Gespräche in den letzten drei Monaten vor jeder Wahl. Jeder Kandidat soll so in aller Ruhe werden dürfen, wer er ist: ganz er selbst. Auf dieser Grundlage sollen die Wähler dann eine Wahl ohne alle taktischen Erwägungen aus reinstem Herzen treffen. Prognosen, denen dieses Setting zugrunde liegt, sagen in Nordrhein-Westfalen eine absolute Mehrheit für Armin Laschet und seine CDU voraus.

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