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Fraktur - Die Sprachglosse Wahlfreiheit

Die Madame de Staat und der Marquis de Steinbrück wollen uns die Qual der Wahl schenken. Und halten doch ihre Politik für alternativlos.

© Wilhelm Busch Vergrößern Die Qual der Wahl

Seit Schiller seinen Marquis de Posa Wahlfreiheit fordern ließ (An alle hyperaktiven Leserbriefschreiber: Wir verwenden natürlich die Fassung des Don Karlos in gerechter Sprache) und für die massenhafte Verbreitung der Szene in Reclam-Heften sorgte, gehört dieser Aufruf zum Repertoire aller lupenreinen Demagogen, Verzeihung: natürlich Demokraten. Kein Wunder also, dass auch die letzte große ideologische Auseinandersetzung, die uns nach der Beerdigung der Atomkraft noch geblieben ist, im Namen der Wahlfreiheit geführt wird, und zwar auf beiden Seiten. Erst die Einführung des Betreuungsgeldes verschaffe den Eltern Wahlfreiheit, ruft die CSU. Nein, schreit die SPD, Wahlfreiheit entstehe nur, wenn dieser „Schwachsinn“ (so Steinbrücks Sammelbegriff für alles, worüber er keinen Vortrag halten konnte) verhindert werde.

Vor die quälende Wahl gestellt, welche der beiden Positionen wir für die schwachsinnigere halten sollen, schwanden uns fast die Sinne. Zum Glück fiel uns mit dem letzten Aufflackern unseres Bewusstseins aber noch ein, dass Hirnforscher nun auch offiziell festgestellt haben, dass es mit unserer Wahlfreiheit und dem eigenen freien Willen gar nicht so weit her ist. Offenbar waren die Wissenschaftler, die erst unzählige Menschen in den Computertomographen legen mussten, um das herauszufinden, nicht verheiratet. Mit der Singlegesellschaft breitet sich natürlich auch die Illusion aus, man könne selbst über sein Leben (oder gar das seiner Kinder) bestimmen. Und nun fördern auch noch so gut wie alle Parteien diesen Irrglauben. Das kann nicht gutgehen. Unsere Madame de Staat im Kanzleramt hat das schon vor langer Zeit erkannt. Wir hätten ihr glauben sollen, als sie uns in einer schwachen Stunde gestand, ihre Politik sei alternativlos. Da hilft die ganze Empörung über unsere angebliche Entmündigung nichts, wir müssen der Wahrheit ins Auge blicken: Es ist halt doch alles vorherbestimmt, mindestens seit der Unterzeichnung der Römischen Verträge.

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Quelle: F.A.Z.

 
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