Home
http://www.faz.net/-gpf-7499y
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Fraktur - Die Sprachglosse Wahlfreiheit

Die Madame de Staat und der Marquis de Steinbrück wollen uns die Qual der Wahl schenken. Und halten doch ihre Politik für alternativlos.

© Wilhelm Busch Vergrößern Die Qual der Wahl

Seit Schiller seinen Marquis de Posa Wahlfreiheit fordern ließ (An alle hyperaktiven Leserbriefschreiber: Wir verwenden natürlich die Fassung des Don Karlos in gerechter Sprache) und für die massenhafte Verbreitung der Szene in Reclam-Heften sorgte, gehört dieser Aufruf zum Repertoire aller lupenreinen Demagogen, Verzeihung: natürlich Demokraten. Kein Wunder also, dass auch die letzte große ideologische Auseinandersetzung, die uns nach der Beerdigung der Atomkraft noch geblieben ist, im Namen der Wahlfreiheit geführt wird, und zwar auf beiden Seiten. Erst die Einführung des Betreuungsgeldes verschaffe den Eltern Wahlfreiheit, ruft die CSU. Nein, schreit die SPD, Wahlfreiheit entstehe nur, wenn dieser „Schwachsinn“ (so Steinbrücks Sammelbegriff für alles, worüber er keinen Vortrag halten konnte) verhindert werde.

Berthold  Kohler Folgen:  

Vor die quälende Wahl gestellt, welche der beiden Positionen wir für die schwachsinnigere halten sollen, schwanden uns fast die Sinne. Zum Glück fiel uns mit dem letzten Aufflackern unseres Bewusstseins aber noch ein, dass Hirnforscher nun auch offiziell festgestellt haben, dass es mit unserer Wahlfreiheit und dem eigenen freien Willen gar nicht so weit her ist. Offenbar waren die Wissenschaftler, die erst unzählige Menschen in den Computertomographen legen mussten, um das herauszufinden, nicht verheiratet. Mit der Singlegesellschaft breitet sich natürlich auch die Illusion aus, man könne selbst über sein Leben (oder gar das seiner Kinder) bestimmen. Und nun fördern auch noch so gut wie alle Parteien diesen Irrglauben. Das kann nicht gutgehen. Unsere Madame de Staat im Kanzleramt hat das schon vor langer Zeit erkannt. Wir hätten ihr glauben sollen, als sie uns in einer schwachen Stunde gestand, ihre Politik sei alternativlos. Da hilft die ganze Empörung über unsere angebliche Entmündigung nichts, wir müssen der Wahrheit ins Auge blicken: Es ist halt doch alles vorherbestimmt, mindestens seit der Unterzeichnung der Römischen Verträge.

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Griechische Schuldenkrise Scheitert der Euro, scheitert Europa

Die Kanzlerin hat sich entschieden: Sie will Griechenland im Euro halten. Wenn es geht. Es ist ihr dritter Anlauf. Mehr Von Ralph Bollmann

23.03.2015, 11:23 Uhr | Wirtschaft
Nachrichten-App Plague Virale Verbreitung ohne Netzwerk

Bei der Smartphone-App Plague wird der Name zum Programm: Wie eine Krankheit sollen sich Nachrichten darüber verbreiten. Das Konzept basiert auf GPS. Mehr Von Maike Haselmann

19.12.2014, 16:36 Uhr | Technik-Motor
Probleme des Internets Regeln für die schöne neue Welt

Für Kriminelle bietet das Internet ein Feld unendlicher Möglichkeiten, deshalb brauchen wir einen Gesellschaftsvertrag. Der Einzelne muss dafür auch bereit sein, Freiheiten aufzugeben. Mehr Von David Omand

19.03.2015, 12:50 Uhr | Politik
Großbritannien Vogelgrippe breitet sich weiter in Europa aus

Nach Deutschland und den Niederlanden ist jetzt auch Großbritannien von einer neuen Vogelgrippeinfektion betroffen. Auf einer Entenfarm in Nordengland ist eine Variante des Virus festgestellt worden. Mehr

18.11.2014, 14:11 Uhr | Wirtschaft
50 Tage Tsipras-Regierung Viel Gerede und nichts dahinter

Seit 50 Tagen ist die Regierung Tsipras im Amt. Ihre Mitglieder absolvierten viele beachtete Auftritte in ganz Europa. Die legislativen Gehversuche sind jedoch noch im Ankündigungsstadium. Mehr Von Michael Martens

18.03.2015, 09:08 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 09.11.2012, 16:13 Uhr