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Fraktur - Die Sprachglosse Verrat

 ·  Über ein großes Wort, das allzu leicht ausgesprochen wird.

Kolumne Bilder (1) Lesermeinungen (7)
© Benno Grieshaber / VISUM Vergrößern Held oder Verräter?

Weil beim Thema Verrat gegenwärtig wieder viel über einen Kamm geschert und noch mehr in einen Topf geworfen wird, sollen hier die wichtigsten sieben Fragen zur Differenzierung des Verratstatbestands abgehandelt werden:

1. Wann wird verraten?

Talleyrand hatte schon Recht: Verrat ist eine Frage des Datums. Beispielsweise konnte Verrat am 8. November 1989 etwas ganz anderes bedeuten als am 9. November 1989.

2. Wer wird verraten?

Wenn man einen Freund verrät, ist es nicht schön. Etwas anderes ist es, wenn man einen Freund verrät, mit dem man sich nur angefreundet hat, um ihn später verraten zu können. Dieser Fall ist gar nicht so selten, weil Verrat häufig Vertrauen voraussetzt.

3. Was wird verraten?

Unverzeihlich ist nur, wenn Christine Neubauer in der „Bunten“ ihr Diätgeheimnis verrät. Wenig einwenden kann man hingegen, wenn ein Neonazi dasselbe mit seiner Gesinnung tut oder wenn Mario Götze zu einem besseren Verein wechselt.

4. Warum und wofür?

Zu Recht ist Judas dafür kritisiert worden, dass er Jesus für 30 Silberlinge verraten hat. Wahrscheinlich wäre mehr drin gewesen. Das meinen die Kritiker aber nicht. Oder doch? Man hört jedenfalls immer wieder den Satz: Für ein paar Silberlinge hat er ihn verraten. Wäre es also weniger verwerflich gewesen, wenn der Lohn höher gewesen wäre? Oder wenn Judas überhaupt nichts genommen hätte?

5. Wer verrät?

Wenn ein Kapitalist für Geld verrät, ist es kein Verrat, wenn ein Kommunist das tut, schon.

6. Wie wird verraten?

Der Verrat ist eine Kunst, die beherrscht werden will. Brutus zum Beispiel agierte arg plump. Judas wiederum hat mit seinem Kuss allzu dick aufgetragen. Der vollendete Verrat ist nie verräterisch und wird vom Verratenen nicht bemerkt. So hatte Judas bis zuletzt keine Ahnung, dass er Teil eines großangelegten Plans war.

7. Mit welchen Folgen wird verraten?

Wenn - wie im Fall Edward Snowden - durch den Verrat die Menschheit bloß aufgerüttelt wird, kann man sich über die Sinnhaftigkeit des Verrats womöglich noch streiten. Uneingeschränkt berechtigt ist der Verrat jedoch, wenn ohne ihn die Menschheit nicht erlöst worden wäre (vgl. wiederum Judas/Jesus). Das gilt auch, wenn durch den Verrat nicht nur niemand zu Schaden kommt, sondern vielmehr jemand gerettet wird - Petrus etwa, der am Feuer stehend sich nicht mehr an die vage Bekanntschaft mit Jesus erinnern konnte. Der eigentliche Verräter in dieser Situation war jedenfalls der Hahn, der durch sein Krähen Petrus völlig unnötig in den Rücken fiel.

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