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Fraktur - Die Sprachglosse Verantwortung

Wann immer in der Politik von Verantwortung übernehmen die Rede ist, ist alles Mögliche gemeint - nur nicht Verantwortung übernehmen.

© dpa Vergrößern Übernimmt einer dieser beiden bald das Verantwortungsministerium?

In der Politik ist eigentlich alles, was gesagt wird, anders gemeint (aber gemeint ist immerhin immer etwas, weil ja laut Paul Watzlawick nicht einmal Hans-Gert Pöttering nicht kommunizieren kann). Meistens wird das dann Diplomatie genannt, obwohl es eigentlich Lüge heißen müsste. Besonders leicht zu verdrehen ist seit je der Begriff „Verantwortung“. Wenn ein Politiker sagt, er freue sich auf die Verantwortung, die mit dem neuen Amt verbunden ist, dann heißt das: Er freut sich auf die Macht, das Ansehen, die Reisen. In anderen Berufen oder Ländern würde man vielleicht noch die Frauen hinzufügen.

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Wenn der Politiker dann die Freuden seines Amtes so richtig genossen und sein Ansehen auf ein unerfreuliches Niveau gebracht hat (er versteht nie, wie), versichert er zumeist: Er übernehme die Verantwortung. Aber auch in diesen Satz hat sich der Fehlerteufel eingeschlichen. Zunächst übernimmt der Politiker, der selbiges behauptet, gar nicht die Verantwortung. Das heißt: Er tritt - siehe Kurt Beck - nicht zurück, haftet - anders als etwa der große T-Shirt-Verkäufer Wolfgang Grupp - nicht mit seinem Privatvermögen und lässt sich noch nicht einmal öffentlich, etwa vor der Staatskanzlei, auspeitschen. Ein zweiter Fehler steckt in dem Wort „übernehmen“. Dieses legt nahe, dass da jemand gnädig und selbstlos etwas auf sich nimmt, was er doch qua Amt von allem Anfang an sowieso getragen hat.

Nun ist die Perversion der politischen Sprache sehr alt, schon Thukydides (5. Jahrhundert v. Chr.) trieb das Thema um. Weil seitdem aber nichts besser geworden ist, sollte man sich an den Kabarettisten Gerhard Polt halten, der schon vor Jahren die „Marktlücke“ erkannte und deshalb die „Schilda Response GmbH und Co KG“ gründete. Credo der Firma: „Wir übernehmen jedwede Verantwortung - ideeller Art, und natürlich ohne finanzielle Konsequenzen, weil die übernimmt sowieso der Steuerzahler.“ Vielleicht sollte auch Beck - wenn es die Gesundheit zulässt - über den Aufbau einer solchen Firma nachdenken. Zumindest aber sollte eine Art Verantwortungs-Bad-Bank eingerichtet werden - oder ein Verantwortungs- und Schuldministerium. Wie das funktionieren könnte, lässt sich im Neuen Testament nachlesen.

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Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 31.08.2012, 16:40 Uhr