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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Fraktur - Die Sprachglosse Unwörter mit Abgrundhintergrund

Anmerkungen eines vom deutschen Umerziehungswesen Erreichten zur neuesten Liste des Schreckens.

© Wilhelm Busch Vergrößern Endlich wieder Zucht und Ordnung!

Bravo, Nationale Armutskonferenz, bravissimo! Endlich scheinen wir den Verbündeten im Kampf gegen die Gleichschaltung unserer Sprache gefunden zu haben, nach dem wir so lange suchten. (Gleich eine Zwischenfrage an unsere neue Waffenschwester: Dürfen wir das historisch doch schon ziemlich kontaminierte G-Wort eigentlich noch benutzen? Vielleicht sollten wir es auch hier besser durch „Gleichstellung“ ersetzen.)

Berthold  Kohler Folgen:

Toll, dass Sie mit uns den „Migrationshintergrund“ in den Sprachabgrund stürzen wollen! An diesem Beispiel sieht man nur zu genau, wohin es führt, wenn im Zeichen der sprachlichen Korrektheit so schlimme Wörter wie „Einwanderer“ oder gar „Ausländer“ bedenkenlos gegen vermeintlich harmlose Begriffe ausgetauscht werden. Sie schreiben, mit dem „Migrationshintergrund“ würden Klischees reproduziert, außerdem würde er der sehr unterschiedlichen Herkunft der damit belegten Personen nicht gerecht. Weil sie leider keinen Ersatz vorgeschlagen haben, haben wir es einmal versucht. Wie wäre es mit: Person internationaler („ausländischer“ geht auch hier gar nicht!) Abstammung aus einem noch näher zu bezeichnenden, in jedem Fall aber von der UN anerkannten Staat, der man keinesfalls unterstellen darf, dass sie  schlecht ausgebildet, kriminell oder gar „sozial schwach“ (Spitzenreiter Ihrer Unwort-Hitparade) ist.

Schuldvorwurf an die Nichterreichten

Ihr Verbesserungsvorschlag zu den „bildungsfernen Schichten“ (früher, horribile dictu, schlicht „Dumme“ genannt) leuchtet zwar ein, kommt uns offen gesagt aber immer noch leicht diskriminierend vor: „Vom Bildungswesen nicht Erreichte“ - da hört man den Schuldvorwurf an die Nichterreichten (ehemals kurzerhand als „Schulschwänzer“ gebrandmarkt) doch geradezu heraus. Besser wäre unserer Meinung nach: Personen, bei denen sich unser unterentwickeltes staatliches Bildungswesen, in das immer noch zu oft die unqualifizierten Eltern hineinpfuschen, nicht auch nur annähernd ausreichend darum bemüht hat, das vorhandene geistige Potential zur vollen Entfaltung zu bringen.

23421830 © Wilhelm Busch Vergrößern Vom nationalen Umerziehungswesen Erreichte

Vollkommen überzeugend dagegen Ihre Einwände gegen die „Flüchtlingsfrauen“ („Überflüssig, weil das Wort Flüchtlinge beide Geschlechter umfasst. Ansonsten: ähnlich diskriminierend wie Arztgattin“). Genau: Weibliche Formen nur bei positiver Konnotation. Also niemals: Sehr geehrte Verbrecher und Verbrecherinnen! Auch nicht: Liebe Spieler und Gespielinnen! Wie aber sollen wir dann die sogenannten Spielerfrauen nennen, die wir nicht nur ob dieser sprachlichen Stigmatisierung schon immer bedauert haben, sogar mehr noch als die armen Arztgattinnen?

Leider sind uns schreckliche Sachen aufgefallen

Derart von Ihnen zum kritischen Hinterfragen animiert, mussten wir uns natürlich auch Gedanken über den Titel Ihrer „Liste der sozialen Unwörter“ machen. Leider sind uns dabei schreckliche Sachen auf- und eingefallen. Wir wissen doch alle spätestens seit der fünften Klasse, wer die furchtbarsten „Listen“ der Welt geführt hat. Nein, nicht Schindler. Und den bestimmten Artikel „der“ hat er (nein, nicht Speer) bestimmt tausendfach benutzt. „Sozial“ war eindeutig Bestandteil eines unaussprechlichen Parteinamens. „Unwörter“ erinnert schließlich schon sehr an das „Wörterbuch des Unmenschen“, dieses Kompendium des sprachlichen Schreckens.

Und haben Sie eigentlich noch nie über Ihren Namen nachgedacht? Nationale Armutskonferenz. Also uns bedrängen da allerlei Assoziationen, eine unerträglicher als die andere. Sicher geht es auch vielen anderen vom deutschen Umerziehungswesen Erreichten so, befürchtet Ihr nun doch etwas an Ihrer Sensibilität für politisch-semantische Untiefen zweifelnder

bko.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 01.03.2013, 14:44 Uhr