http://www.faz.net/-gpf-761hd
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 25.01.2013, 13:48 Uhr

Fraktur - Die Sprachglosse Stehen

Brüderle stellte sich vor der Wahl in Niedersachsen hinter Rösler. In der Politik ist das eine gute Position, um jemanden in den Rücken zu fallen. Fortan aber sollen sich beide zur Seite stehen.

von
© Interfoto Brüderlepaar: Kain, neben, hinter und vor allem zu Abel stehend

„Wie stehen Sie zu ihm?“, werden Politiker oft gefragt. Dann wissen diese meistens nicht, wie sie ihre eherne Treue zu ihrem Parteifreund in Worte fassen sollen. Dabei bietet die deutsche Sprache verwirrend viele Möglichkeiten, um auf Abstand bedachten Beistand zu bekunden. Nehmen wir zum Beispiel Rainer Brüderle. Er versicherte vor der Wahl in Niedersachsen, er stehe hinter Philipp Rösler. Dass der nach der Wahl nicht zurücktreten konnte, scheint also klar: Brüderle stand ja hinter ihm. Besonders glaubhaft war das allerdings nicht, weil Rösler mit dem Rücken zur Wand stand. Zwischen Wand und Rösler passte kein Blatt Papier mehr. Auch kein Christian Lindner und schon gar kein Rainer Brüderle.

Hinterrücks in den Rücken gefallen

Timo Frasch Folgen:

Aber sei’s drum. Was Brüderle auf die Frage, wie er zu Rösler stehe, sagen wollte, war: Ich stehe zu Rösler. Und: Ich gebe Rösler Rückendeckung. Das ist stimmig. Denn in der Politik kommen die Angriffe meistens nicht von vorne, sondern von hinten. Hinterrücks. Am häufigsten von dem, der Rückendeckung gibt. Der hat nämlich die beste Position, um dem dermaßen Geschützten in den Rücken zu fallen.

Hat Brüderle deshalb nicht gesagt, dass er sich vor Rösler stelle? Das hätte er schließlich auch sagen können. Zumindest sprachlich hätte es dasselbe bedeutet. Oder aber: Ich stehe an Röslers Seite. Oder: Ich stehe ihm zur Seite. Oder: Wir marschieren Seit’ an Seit’. Das Problem dabei wäre allerdings gewesen, dass Rösler selbst schon neben sich stand, an seiner Seite also gar kein Platz mehr war. Rösler hätte mithin auch gar nicht „zur Seite treten“ können, wie er es am Montagmorgen anbot, denn da war er ja sowieso schon. Oder doch Brüderle?

Jedenfalls sollen die beiden einander fortan zur Seite stehen. Brüderle als Spitzenkandidat, Rösler als FDP- Vorsitzender. Viele Parteifreunde haben abermals bekräftigt, hinter ihrem Parteichef zu stehen, sich vor ihn zu stellen oder ihm zur Seite gesprungen zu sein. Rösler bleibt also, was er auch bisher schon war: umzingelt.

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Strohballenhaus in Frankfurt Mäuse haben keine Chance

In Eschersheim entsteht ein Haus aus Stroh: Ein Architektenpaar nutzt statt Styropors natürliches Dämmmaterial. Das schont die Umwelt und hat noch mehr Vorteile. Mehr Von Rainer Schulze

18.05.2016, 10:04 Uhr | Rhein-Main
Schlachtschiff Bismarck Bis zur letzten Granate

Vor 75 Jahren versinkt Hitlers Vorzeige-Schlachtschiff in den Tiefen des Atlantiks. Über 2000 Deutsche ertrinken. Die Royal Navy reklamiert den Sieg über die Bismarck für sich. Zu Unrecht. Der wahre Grund liegt außerhalb unserer heutigen Vorstellungswelt. Mehr Von RAINER BLASIUS

26.05.2016, 10:55 Uhr | Politik
Politiker in den Nachrichten Lafontaines Lügenpresse

Politiker der Linkspartei sind im April seltener in den Fernsehnachrichten aufgetreten als die anderer Parteien. Oskar Lafontaine wittert eine Verschwörung der Medien, die nicht mehr unabhängig seien – dabei sind die Gründe ganz andere. Mehr Von Oliver Georgi

19.05.2016, 14:23 Uhr | Politik
Das Quiz zum Song Contest Germany – twelve points

Jamie-Lee tritt am Samstag mit Ghost für Deutschland an. Wird ihr Song in Erinnerung bleiben? Oder wird sie zu den Interpreten gehören, die vergessen werden? Nur an einige erinnert man sich geradezu wehmütig. Testen Sie Ihr Wissen über den Song Contest und gewinnen Sie die offizielle ESC-2016-CD. Mehr Von Peter-Philipp Schmitt

11.05.2016, 16:39 Uhr | Gesellschaft
Frankfurter Römer Oder sonstige Nazis

Die AfD biegt in einer Haushaltsdebatte im Frankfurter Römer falsch ab. AfD-Mitglied Horst Reschke rutscht dabei ein Satz heraus, der für eine sehr lange Zeit in Erinnerung bleiben könnte. Mehr Von Tobias Rösmann, Frankfurt

16.05.2016, 15:01 Uhr | Rhein-Main