Home
http://www.faz.net/-gv3-75u2i
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Fraktur - Die Sprachglosse Sogar mit Steinbrück und Söder

Von wegen, die Politik sei kalt und herzlos geworden: Sie trieft nur so von Mitleid.

© Zeichnung WIlhelm Busch Vergrößern Mitleid nach Art der FDP: Wieder tönt es: „Meck, meck, meck!“ Plumps! Da ist der Rösler weg!

Wir müssen jetzt doch einmal unsere Politiker in Schutz nehmen. Von wegen, die Politik sei kalt und herzlos geworden. Gut, in der FDP geht es etwas zugig zu, das haben freie Märkte so an sich. Doch im von internationaler Solidarität und christlicher Nächstenliebe beherrschten Teil des politischen Spektrums hagelt es seit Tagen nur Mitgefühl, und zwar parteiübergreifend.

Berthold  Kohler Folgen:  

Gabriel hat, obwohl dafür nicht zuständig und schon gar nicht qualifiziert, Mitleid mit Rösler, Schäuble mit Steinbrück und sogar Seehofer ein bisserl mit Söder, auch wenn der CSU-Vorsitzende seine wahren Gefühle abermals mannhaft verbirgt. Doch selbst wenn er anders möchte: Ganz abtöten kann er seine Karitas für seinen Finanzminister nicht. Denn Mitleid, das lesen wir schon bei Aristoteles, haben wir vor allem mit jenen, die uns hinsichtlich ihres Charakters ähnlich sind, bis hin zu den klitzekleinsten Schmutzeleien.

Also Achtung, Politiker! Sagt ihr uns, mit wem ihr Mitleid empfindet, dann sagt ihr uns auch, wer ihr seid. Ob sich deshalb die öffentlichen Empathiebekundungen mit einzelnen, unfreiwillig aus dem Amt und auch sonst Geschiedenen in Grenzen halten? Doch gibt es natürlich noch das verklausulierte Mitleid, das nur kluge Köpfe entschlüsseln können. Wie etwa den Satz von Towarischtsch Schröder, er habe sogar schon von seinem Bundeskanzlergehalt leben können. Im Klartext bedeutet das: Schau, Steinbrück, armer alter Knabe, durch diese vier dürren Jahre im Kanzleramt musst du einfach durch, bevor der Rubel richtig rollt!

Oder nehmen wir die Äußerung des Kieler Landtagssprechers, der zu dem spektakulären Verzicht des Piraten-Fraktionsvorsitzenden auf Dienstwagen und Diätenzulage (bescheidene 72 Prozent) bemerkte, das könne jeder Fraktionsvorsteher selbst entscheiden. Gemeint haben kann er nur: Armer, bemitleidenswerter Irrer! Und in der Tat: Hätte der Pirat doch früher etwas von der Last gesagt, die seine Seele und sein Bankkonto beschwert! Wie gerne würde man sein Leid mit ihm geteilt haben. Doch das grenzt jetzt schon an Selbstmitleid, und das ist eine andere Fraktur.

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Fraktur Zivilcourage

Spitzenpolitiker, die mehr Zivilcourage fordern, haben gut reden. Sie haben ja Leibwächter und müssen nachts nicht auf S-Bahnhöfen herumstehen. Mehr Von Timo Frasch

05.12.2014, 14:38 Uhr | Politik
Quiz Was wissen Sie von 2014?

Der Jahresrückblick als großes Quiz: Was haben Sie sich gemerkt zu Managern und Marken, Politik und Pleiten? Testen Sie Ihr Wirtschaftswissen, gewinnen Sie eine Kreuzfahrt durchs Mittelmeer und noch vieles mehr. Mehr Von Georg Meck

02.12.2014, 11:04 Uhr | Wirtschaft
Fraktur Sag niemals nie

Aber ein Reservat für dieses Dreibuchstabenwort muss bleiben, auch wenn es die Polen nervt. Mehr Von Berthold Kohler

12.12.2014, 10:07 Uhr | Politik
Stoppok Popschutz

Hörproben: Kalter Kaffee, Ruhige See Mehr

15.09.2014, 19:41 Uhr | Feuilleton
Tatort-Kritik Diese Leiche ist uns wurst

Im Tatort scheint Kommissarin Lindholm schon reif für den Ruhestand. Zu dumm aber, dass der Chauffeur des Schweinekönigs stirbt. Wurden auch Tiere für diesen Krimi gequält? Mehr Von Swantje Karich

05.12.2014, 16:06 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 18.01.2013, 12:18 Uhr