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Fraktur - Die Sprachglosse Sex sells

 ·  Schluss mit der rhetorischen Prüderie: Deutsche Politiker (und Politikerinnen) greifen immer öfter zum Wort „sexy“. Anmerkungen zur Karriere eines Superadjektivs.

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© Zeichnung Wilhelm Busch Vergrößern Das Superadjektiv: Sexy, was hast du bloß mit unserer Politik gemacht?

Sex sells“, heißt es in den Sektionen unserer Branche, die sogar noch näher beim Menschen sind als die CSU. Diese alte Kaufmannsregel ist so ehern, dass ihr nicht einmal die digitale Revolution etwas anhaben konnte. Schwächelt etwa das Verkehrsaufkommen eines Online-Auftritts, dann hilft ihm eine freizügige Fotostrecke ganz schnell wieder auf die Beine. Das muss, aus welchen Gründen auch immer, einigen einsamen Politikern an einsamen Abenden in ihren einsamen Berliner Appartements aufgefallen sein, bevor sie ihren 23 Followern mitteilten, wie sie gerade wieder die Welt verändert hätten. Jedenfalls hat auch die deutsche Politik nach Jahrzehnten der Enthaltsamkeit und Prüderie den Sex entdeckt. Natürlich nicht gleich in der Art von Dominique Strauss-Kahn oder Anthony Weiner, dafür sind die deutschen Politiker - muss man eigentlich auch bei einem solchen Thema „und Politikerinnen“ sagen? - noch zu verklemmt. Doch wagt es die politische Elite Deutschlands immerhin schon, das S-Wort in den Mund zu nehmen, seit Klaus Wowereit den legendären Satz sprach, Berlin sei „arm, aber sexy“. Der erregte zwar die Bayerische Staatsregierung so, dass sie Klage gegen den Länderfinanzausgleich einreichte. Das Wort „sexy“ aber ist seither auf dem besten Wege, ein politisches Superadjektiv zu werden.

Das sieht man schon am Fall des SPD-Vorsitzenden Gabriel und seiner tollen Idee, uns eine Erhöhung der Steuern zu versprechen. Leider scheinen sich die Wähler, auf die es die SPD abgesehen hat, nicht ganz so für diese Verheißung begeistern zu können wie er und natürlich die Grünen. Was also tun? Weil die SPD selbstverständlich nicht ihre frühere Argumentation zugunsten der Steuererhöhung für schwachsinnig erklären konnte, musste zur Ablenkung der Wähler ein anderes Kriterium her: Steuern zu zahlen sei, so Gabriel, „nicht sexy“.

Da kann man nur mit einer Liedzeile von Marius Müller-Westernhagen fragen: Sexy, was hast du bloß aus diesem Mann gemacht? Zwar liegt Gabriel mit seiner Aussage voll auf der Wowereit-Linie, denn Berlin ist ja deshalb arm und sexy, weil dort kaum einer Steuern zahlt. Doch staatspolitisch, von den parteiinternen Folgen einmal zu schweigen, ist auch diese sexuelle Revolution nicht ganz unproblematisch. Gabriels Satz bedeutet schließlich im Umkehrschluss, dass es sexy sei, keine Steuern zu zahlen.

Mit Spannung verfolgen wir nun, wie die Kanzlerin der SPD auch dieses Alleinstellungsmerkmal rauben will. Das könnte sich erstmals als schwierig erweisen. Denn in Bayreuth war sie dieses Jahr schon. Und einen Waschbrettbauch wie Hugh Jackman, den Ursula von der Leyen im Fernsehen als den „sexiest man alive“ anhimmelte, hat die CDU schlicht nicht. Oder haben wir da einen übersehen? Nach Gabriels Definition müsste man „sexiest man alive“ übersetzen mit „der größte lebende Steuerhinterzieher“. Und so einer sollte sich doch wenigstens im Sympathisantenkreis der CSU finden lassen.

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