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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Fraktur - Die Sprachglosse Ringen

Kaum ein Sport ist so alt wie das Ringen; schon in der Antike warfen eingeölte Fleischberge einander zu Boden. Nun hat es in der Politik Konjunktur.

© Berthold Kohler Vergrößern Szene aus dem Deutschen Bundestag

Kaum ein Sport ist so alt wie das Ringen; schon in der Antike warfen, schleuderten und hebelten eingeölte Fleischberge einander zu Boden. Gemessen an dieser Tradition, ist das Renommee der Ringer heute verblüffend dürftig. Sogar bei Olympischen Spielen ist das Interesse am Ringen geringer als das am Rudern, Rennen und Reiten. Noch bescheidener ist es um den Rang der Ringer-Bundesliga bestellt: Wer weiß schon, dass der aktuelle deutsche Meister SV Germania Weingarten heißt, dank eines Sieges über den Kraftsportverein Athletik Einigkeit Köllerbach-Püttlingen?

Friedrich Schmidt Folgen:  

Doch wenigstens in der Politik hat das Ringen Konjunktur. Kaum ein Tag, an dem nicht ein „langes“, „hartes“, „zähes“ oder gar „harziges“ Ringen um etwas zu verzeichnen wäre, um eine Waffenruhe etwa, um Betreuungsgeld oder Elternzeit, um Hilfen für Griechenland oder Italien. Letzteres mag Freunde des Ringsports daran erinnern, dass laut Ringregelwerk im sogenannten Freistil der gesamte Körper des Gegners angegriffen werden darf, während im griechisch-römischen Stil nur Attacken oberhalb der Gürtellinie erlaubt sind. Doch seien jene, die nun mit Kennermiene verkünden wollen, das Verhalten gewisser Griechen in der Schuldenkrise zeige eben wieder einmal, dass die Leute im Südosten Europas nicht mehr die edelmütigen Hellenen von einst seien, die einander nackt, aber fair niederrangen, daran erinnert, dass für den Kampf gegen auswärtige Gegner wie Xerxes oder Frau Merkel schon immer andere Regeln galten.

Doch keinem wird’s gegeben ohne Ringen. Wähler wissen das. Gleichsam als Gladiator der Gruppe, deren Interessen er vertritt, muss ein Politiker daher beweisen, dass er imstande ist, den jeweiligen Gegner auf die Matte zu bringen. Wenn ihm das nicht gelingt, muss er immerhin so schön wie Schillers Don Carlos versichern können, dass er, wenn auch leider vergebens, „gerungen habe/Gerungen, wie kein Sterblicher noch rang“.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 30.11.2012, 16:26 Uhr