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Fraktur - Die Sprachglosse Nunter! Naus! Aus!

Demnächst könnten einige fliegen: Fußballtrainer, Parteivorsitzende, Kanzlerkandidaten. Die neue Unbarmherzigkeit braucht neue Vorsilben.

© dpa Vor dem Nauswurf?

Geh aus, mein Herz, und suche Freud - so dichtete im 17. Jahrhundert der Theologe Paul Gerhardt. Damit hat er es sich, es handelt sich schließlich um ein geistliches Lied, ziemlich leicht gemacht. Das ewige Hin und Her, das womöglich schon damals die Menschen überforderte, umschiffte er glatt: Soll mein Herz nun hinaus gehen oder heraus? Das ist wie vieles eine Frage der Perspektive, genauer: der Verortung des Handelnden im Verhältnis zum „drinnen“ und zum „draußen“. Natürlich hatte der fromme Mann nichts anderes im Sinn, als uns die Schönheit der Schöpfung als Quelle der Zuversicht anzuempfehlen. Deshalb sollen wir das Herz vom eigenen engen Seeleninneren fort auf Reisen schicken, hinaus in die große, weite, herrliche Welt. „Hinaus“ ist die Antwort auf die Frage „wohin“: jemand strebt fort, irgendwohin, und zwar in ein fremdes, spannendes Draußen.

Der unbarmherzige Nauswurf

Doch manchmal meinen wir auch, unser Herz müsse nicht hinaus, sondern heraus gehen, um Freud zu suchen und erst einmal Sigmund zu finden. Sind wir nicht recht bei uns, sondern gefangen und bedrängt von Kümmernissen, dann müssen wir das Herz erst heimholen. Es muss ausbrechen aus seinen Nöten und zurück hierher finden, her zu uns. „Heraus“ impliziert ein „hierher“: Etwas bewegt sich von seinem uns fremden Drinnen her in unser vertrautes Draußen. Analoges gilt für die Wörtchen „hinunter“ und „herunter“: Wir laden ein Computerprogramm nicht etwa hinunter, sondern herunter, weil es aus der abstrakten Cyberwelt herkommen soll zu uns, die wir außerhalb dieser Sphäre stehen. Nur eingedenk dieser Konnotation der Nähe ist denn auch zu begreifen, dass oft zu hören ist, eine Regierung habe einen Minister, ein Fußballclub einen Trainer, ein Unternehmen einen Manager „herausgeworfen“. Denn dieser sieht sich dann per Kündigung gleichsam wie im Fluge herausbefördert aus dem uns fremden, unbegreiflichen und ohnehin nicht ganz geheueren Binnenraum des Kabinetts, des Clubs, des Konzerns - heraus und her zu uns, dem Rest der Welt, der offenbar nur auf ihn gewartet hat.

Eine solche klammheimliche Eingemeindung, die an dem ins reale Leben Herausgeworfenen damit sprachlich vollzogen wird, ohne dass dieser sich dagegen wehren kann, geht am Wesentlichen allerdings vorbei: dem Akt der Verstoßung an sich, dem aktiven Hinauswurf. Es handelt sich in einem solchen Fall bei Lichte besehen mitnichten bloß um einen harmlosen „Rauswurf“, wie mit umgangssprachlichem Buchstabenschwund geschlagene Zeitgenossen neuerdings ach so kess schreiben, sondern logisch korrekt und viel, viel schlimmer: um einen unbarmherzigen „Nauswurf“.

Warum sagt das denn keiner? Zusätzlich zu den längst anerkannten Vorsilben „runter“ und „raus“ wünschen wir uns mindestens noch „nunter“ und „naus“. Und aus.

Quelle: F.A.Z.

 
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