Home
http://www.faz.net/-gpf-78cew
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Fraktur - Die Sprachglosse Mitleid für alle!

Trotz aller Umverteilung leidet diese Republik noch immer unter einer Asymmetrie des Mitgefühls. Oder hat man schon jemals einen Politiker sagen hören, er habe Mitleid mit seinen Wählern?

© Zeichnung Wilhelm Busch Asymmetrie des Mitleids: Nicht jedem aus dem Himmel Gefallenen wird es zuteil.

Dank darf man auch als Politiker nicht erwarten, das zeigen jetzt wieder die Trauerfeierlichkeiten für die Eiserne Lady. Zwei Salutschüsse weniger als für Churchill! Und das, obwohl sie doch 85 Milliarden aus Brüssel zurückholte und alles Menschenmögliche tat, um die europäische Einigung aufzuhalten, von der deutschen ganz zu schweigen. Churchill hatte dagegen nur den Krieg gewonnen, was ihm die Briten bereits zu Lebzeiten vergolten hatten, indem sie ihn abwählten. Ja, Undank ist des Politikers Lohn, das war schon immer so und wird auch so bleiben.

Berthold  Kohler Folgen:

Ganz anders verhält es sich dagegen mit dem Mitleid. Nach Jahren der Empathiephobie boomt es gerade in der Politik, besonders in der deutschen. Die Politiker haben herausgefunden, dass auch die von der anderen Feldpostnummer Menschen sind. Annette Schavan profitierte enorm von dieser Entdeckung. Peer Steinbrück erregt mittlerweile fraktionsübergreifend Mitleid, Claudia Roth erfuhr es sogar von der eigenen Partei. Und beim Blick auf die Entwicklung des Falles Wulff könnte auch bei anderen unglücklich aus dem Himmel Gestürzten wie Silvana Koch-Mehrin und Jorgo Chatzimarkakis die leise Hoffnung keimen, dass endlich Mitgefühl wird, was lange schwärt.

Doch kommt man nicht umhin, bei der Verteilung des Mitleids eine ziemliche Asymmetrie festzustellen. Oder hat man schon jemals einen Politiker sagen hören, er habe Mitleid mit den Bürgern? Wenigstens mit jenen, die ihn nicht gewählt haben? Oder erst recht mit den Unglücksraben, die es taten? Gibt es irgendeine Partei, die auch beim Mitleid mehr Umverteilung fordert? Die „Mitleid für alle!“ auf ihre Fahnen schreibt? Oder zumindest „Das Mitleid ist sicher“?

Nicht einmal die sogenannte Alternative für Deutschland scheint diese Gerechtigkeitslücke zu stören. Wir einfachen Deutschen müssen daher weiter vom Mitgefühl der Griechen und Zyprer zehren, die uns - von wegen, es gebe keine europäische Solidarität mehr - aufrichtig dafür bemitleiden, von einer Frau mit Hitlerbart und in SS-Uniform regiert zu werden. Da bleibt einem wahrlich nur noch die Flucht ins Selbstmitleid. Und der Gedanke, dass die Eiserne Lady vielleicht doch nicht in allem ganz falsch lag.

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Soziologie Unterschied, was ist das?

Alles soll gleich sein. Gleich relevant, gleich viel wert, gleich richtig. Damit sich alle gleich wohlfühlen können. So einfach ist das aber nicht, sagt die Soziologin Irmhild Saake. Mehr Von Wibke Becker

25.07.2015, 12:33 Uhr | Gesellschaft
Champions League in Ukraine Mulmiges Gefühl beim FC Bayern

Zwischen Sport, Politik und viel Mitgefühl: Bayern München muss auf seiner kurzen Abenteuerreise in die Ukraine mit dem Spiel in Lemberg gegen Schachtjor Donezk (20.45 Uhr) einen außergewöhnlichen Spagat bewältigen. Mehr

17.02.2015, 12:33 Uhr | Sport
Labour rückt nach links Der britische Tsipras

Im Rennen um den Vorsitz der Labour Party führt ein linksradikaler Autogegner, Pazifist und Vegetarier. Die höheren Parteifunktionäre fürchten sich vor Jeremy Corbin – und den nächsten Wahlen. Mehr Von Jochen Buchsteiner, London

23.07.2015, 20:40 Uhr | Politik
Wohltätigkeitskonzert Prinz Harry trifft auf Lady Gaga

Der britische Prinz Harry ist zwei Größen des Showbusiness begegnet: Pop-Star Lady Gaga und Jazz-Legende Tony Bennett. Mehr

09.06.2015, 11:56 Uhr | Gesellschaft
Großbritannien Konservative wollen Streikrecht einschränken

Die konservative Regierung von David Cameron will das Streikrecht der britischen Gewerkschaften beschneiden. Sein Vorgehen weckt Erinnerungen an die Eiserne Lady Margaret Thatcher. Mehr Von Jochen Buchsteiner, London

16.07.2015, 09:00 Uhr | Politik

Veröffentlicht: 12.04.2013, 15:08 Uhr