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Fraktur - Die Sprachglosse Loses Maul auf schlüpfrigem Abhang

„Lose Kanone“ sagt in Bayern nicht einmal ein Gebirgsschütz’, der voll ist wie eine Haubitze. Doch was tut man als norddeutscher Fischkopp nicht alles für den zukünftigen Koalitionsfrieden!

© Wilhelm Busch Vergrößern Loser Vogel

Man hätte meinen können, die Leichtmatrosen sind los! Am politischen Aschermittwoch, dem nach dem Oktoberfest zweitwichtigsten Ereignis im Jahreslauf der Liquid Democracy, droschen SPD und CSU aufeinander ein, als hätten sie schon wieder vergessen, dass sie Ende September miteinander regieren wollen. Doch weiß das aufgeklärte Publikum natürlich, dass das alles nur Show war.

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In Wahrheit sind in Passau und Vilshofen nämlich auf offener Bühne schon Koalitionsverhandlungen geführt worden, man hat nur genau hinhören müssen. Sogar die Posten wurden bereits verteilt. Seehofer nannte Steinbrück „Schuldenkönig“, bot ihm also an, abermals das Finanzministerium zu übernehmen - keine schlechte Offerte für einen gescheiterten Kanzlerkandidaten, der sonst wieder als Vortragsreisender durchs Land tingeln müsste.

Besonders artige Komplimente

Steinbrück erinnerte sich im Gegenzug daran, dass Seehofer ein guter Gesundheitsminister war, der immer noch mit einer „Blinddarm-Entzündung und Wurzelbehandlung auf einmal“ fertig werden würde. Doch wäre er offenbar auch bereit, dem CSU-Vorsitzenden das Verteidigungsministerium zu überlassen, sei der doch die „größte lose Kanone auf dem politischen Deck Deutschlands“. Steinbrück, selbst eines der größten losen Mäuler der Republik, kennt sich mit solchen maritimen Anglizismen aus, schließlich baut er in seinem Keller Modellkriegsschiffe. Der Modelleisenbahner Seehofer hätte da Steinbrück nur zur heißesten Dampfmaschine auf Schienen erklären können, was er aber der Missverständlichkeit halber und dem zukünftigen Koalitionsfrieden zuliebe unterließ.

Mit der „loose cannon“ wollte der Souterrain-Seebär dem Landesvater, der ja nicht wirklich Dreh-, sondern eben Seehofer heißt, wohl ein besonders artiges Kompliment machen. Doch hat er sich damit, das ist der Fluch der Schmeichelei, selbst verraten. In bayerischen Bierzelten, die für ihren elaborierten Code bekannt sind, sagt nämlich niemand jemals „lose Kanone“, nicht einmal ein Gebirgsschütz’, der voll ist wie eine Haubitze.

Das gelöste Schießgerät ist, wie übrigens auch der schlüpfrige Abhang („slippery slope“), ein typischer Intellektuellenausdruck, mit dem außerbayerische Geistesgrößen belegen wollen, dass sie Horatio Hornblowers Abenteuer im Original gelesen haben. Im Freistaat muss man aber den Metzgerssohn Strauß zitieren können, wenn man die Leute beeindrucken will. Der hätte für einen norddeutschen Fischkopp (Steinbrück über Steinbrück) und einen oberbayerischen Dickschädel wie Seehofer eine Reihe von jedenfalls im Süden besser bekannten Kosenamen in petto gehabt, die wir hier nicht extra nennen müssen. Schließlich ist diese Zeitung ein Blatt für kluge Köpfe und nicht eines für lose Vögel.

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Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 15.02.2013, 10:13 Uhr