Home
http://www.faz.net/-gpf-74eog
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Fraktur - die Sprachglosse Liebe

Dass es sich mit der Liebe nicht so verhält, wie Hannah Arendt einst meinte, können uns die „political animals“ der Republik bestätigen.

© dapd Vergrößern Einsam, aber fröhlich: Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) und die Grünen-Bundesvorsitzende Claudia Roth

Dass es sich mit der Liebe nicht so verhält, wie Hannah Arendt einst meinte, können uns die „political animals“ der Republik bestätigen. Arendt hatte - wohlbemerkt vor der Erfindung des Parlamentsfernsehens - gesäuselt, Politik sei in Wirklichkeit „angewandte Liebe zum Leben“. Vielleicht hatte sie dabei einen wichtigen Gedanken unberücksichtigt gelassen: Dass im politischen System vornehmlich solche Wesen überleben, die ihr sogenanntes Leben allein der Politik widmen. Wenn Bundesumweltminister Peter Altmaier also sagt, er habe eigentlich nie ein Privatleben gehabt, dann hätte Frau Arendt nur konstatieren können, Altmaier habe wohl gedacht, Politik sei angewandte Liebe zur Politik. Weshalb seine Ausführungen - bei aller Liebe - durch und durch unpolitisch seien. (Diesem Urteil hätten wir liebend gern zugestimmt.)

Justus Bender Folgen:    

Sogar die für ihre Gefühligkeit bekannte Bundesvorsitzende der Grünen Claudia Roth hätte der Gelehrten wohl keine Freude gemacht. Sie sagte kürzlich: „Ich kann mir nicht vorstellen, wie der Job, den ich gerade mache, mit einer Beziehung funktionieren soll.“ Seine Arendt kennt offenbar nur der Fraktionsvorsitzende der schleswig-holsteinischen FDP, Wolfgang Kubicki. Dem waren die amourösen Risiken eines Politikerlebens in der Hauptstadt schon vor Jahren bewusst, weshalb er seine Entscheidung, der Bundespolitik fernzubleiben, mit dem bemerkenswerten Satz erklärte: „Ich würde in Berlin zum Trinker werden, vielleicht auch zum Hurenbock.“

Da bleiben dem Bürger eigentlich nur noch zwei bange Fragen: Einerseits, was aus einem Land werden soll, das von den Ungeküssten regiert wird, seien sie von der einen oder von der anderen Partei. Andererseits, was aus einem Land werden soll, in dem die Frage nicht mehr lautet, ob das Private politisch, sondern ob im Politischen überhaupt noch irgendetwas privat ist.

Hoffen lässt im Rückblick ausgerechnet ein Politiker, der für kein Amt mehr zur Verfügung steht: Franz Müntefering. Der hatte in einer Parteitagsrede 2004 auch den Satz von Hannah Arendt zitiert, daraus aber einen anderen Schluss gezogen und gesagt: „Lasst uns Politik machen!“ Sprich: Ganz ohne Zing-Zing und Tü-Tü. Vielleicht ist das in seiner Einfachheit - dem Publikum zuliebe - gar keine schlechte Idee.

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Britische Minijobs Am Nullpunkt des Arbeitsmarkts

Nur bei Anruf gibt es Arbeit: In Großbritannien werden Arbeiter mit zero hour contracts ausgenutzt. Vom guten wirtschaftlichen Wachstum auf der Insel kommt bei der arbeitenden Bevölkerung nur wenig an. Mehr Von Marcus Theurer, London

20.04.2015, 14:17 Uhr | Wirtschaft
Fotografie Peter Mathis fotografiert Extremsportler in den Bergen

Der Österreicher Peter Mathis ist im Bregenzer Wald aufgewachsen, hier entdeckte er seine Leidenschaft für das Extrembergklettern und das Snowboarden. Über den Bergsport entwickelte er auch seine Liebe zur Naturfotografie. Sein Thema: Bergwelten. Mehr

16.02.2015, 16:47 Uhr | Gesellschaft
Flüchtlingsdrama im Mittelmeer Eine Schande für Europa und uns alle

Nach dem vermutlich schwersten Flüchtlingsdrama im Mittelmeer seit langer Zeit gerät Bundesinnenminister De Maizière unter Druck. Er hatte eine Seenotrettungsmission abgelehnt. Die Grünen sprechen von einer Katastrophe mit Ansage. Mehr

19.04.2015, 14:16 Uhr | Politik
Partnerschaft Was hält die Liebe frisch?

Eine Liebe fürs Leben: Das klingt romantisch, doch die Hürden des Alltags lassen viele Paare scheitern. Psychologe Eric Hegmann erklärt, wie Sie die Liebe frisch halten können. Mehr

05.01.2015, 16:48 Uhr | Gesellschaft
Israel und die Deutschen Trotz Distanz auch Nähe

Für viele der aus Deutschland stammenden Israelis und Diasporajuden blieb Deutschland trotz Holocaust eben nicht nur das Land Hitlers, sondern mindestens ebenso sehr die Heimat Goethes und Schillers, also ihre eigene seelische und kulturelle Heimat. Mehr Von Michael Wolffsohn

20.04.2015, 10:14 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 16.11.2012, 16:40 Uhr