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Veröffentlicht: 16.11.2012, 16:40 Uhr

Fraktur - die Sprachglosse Liebe

Dass es sich mit der Liebe nicht so verhält, wie Hannah Arendt einst meinte, können uns die „political animals“ der Republik bestätigen.

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© dapd Einsam, aber fröhlich: Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) und die Grünen-Bundesvorsitzende Claudia Roth

Dass es sich mit der Liebe nicht so verhält, wie Hannah Arendt einst meinte, können uns die „political animals“ der Republik bestätigen. Arendt hatte - wohlbemerkt vor der Erfindung des Parlamentsfernsehens - gesäuselt, Politik sei in Wirklichkeit „angewandte Liebe zum Leben“. Vielleicht hatte sie dabei einen wichtigen Gedanken unberücksichtigt gelassen: Dass im politischen System vornehmlich solche Wesen überleben, die ihr sogenanntes Leben allein der Politik widmen. Wenn Bundesumweltminister Peter Altmaier also sagt, er habe eigentlich nie ein Privatleben gehabt, dann hätte Frau Arendt nur konstatieren können, Altmaier habe wohl gedacht, Politik sei angewandte Liebe zur Politik. Weshalb seine Ausführungen - bei aller Liebe - durch und durch unpolitisch seien. (Diesem Urteil hätten wir liebend gern zugestimmt.)

Justus Bender Folgen:

Sogar die für ihre Gefühligkeit bekannte Bundesvorsitzende der Grünen Claudia Roth hätte der Gelehrten wohl keine Freude gemacht. Sie sagte kürzlich: „Ich kann mir nicht vorstellen, wie der Job, den ich gerade mache, mit einer Beziehung funktionieren soll.“ Seine Arendt kennt offenbar nur der Fraktionsvorsitzende der schleswig-holsteinischen FDP, Wolfgang Kubicki. Dem waren die amourösen Risiken eines Politikerlebens in der Hauptstadt schon vor Jahren bewusst, weshalb er seine Entscheidung, der Bundespolitik fernzubleiben, mit dem bemerkenswerten Satz erklärte: „Ich würde in Berlin zum Trinker werden, vielleicht auch zum Hurenbock.“

Da bleiben dem Bürger eigentlich nur noch zwei bange Fragen: Einerseits, was aus einem Land werden soll, das von den Ungeküssten regiert wird, seien sie von der einen oder von der anderen Partei. Andererseits, was aus einem Land werden soll, in dem die Frage nicht mehr lautet, ob das Private politisch, sondern ob im Politischen überhaupt noch irgendetwas privat ist.

Hoffen lässt im Rückblick ausgerechnet ein Politiker, der für kein Amt mehr zur Verfügung steht: Franz Müntefering. Der hatte in einer Parteitagsrede 2004 auch den Satz von Hannah Arendt zitiert, daraus aber einen anderen Schluss gezogen und gesagt: „Lasst uns Politik machen!“ Sprich: Ganz ohne Zing-Zing und Tü-Tü. Vielleicht ist das in seiner Einfachheit - dem Publikum zuliebe - gar keine schlechte Idee.

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Quelle: F.A.Z.

 

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