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Fraktur - Die Sprachglosse Klare Kante

Auch wer gerne Klartext spricht, sollte immer schön die Kantenance wahren, auf dass dem Haifisch nicht die Tränen kommen.

© Lüdecke, Matthias Vergrößern Seine schärfste Kante: Immer schön die Kantenance wahren!

All die Politiker, die den Begriff „klare Kante“ verwenden, können im „Verein für deutliche Aussprache“ (Franz Josef Strauß) keine niedrige Mitgliedsnummer haben oder sind bereits hochkant rausgeflogen. Der Begriff ist nämlich gänzlich unklar. Es fängt schon damit an, dass man nicht recht weiß, welches Verb man ihm zur Seite stellen soll. Oder ob überhaupt eines, weil Verben sowieso was für Weicheier und Drohnengegner sind.

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Skifahrer würden sagen: Kanten setzt man, nachdem man sie hat schleifen lassen. Handwerker wiederum meinen, dass man Kanten entgratet, Rasenmäher, dass man sie schneidet, und Bankiers, dass man etwas auf sie legt, zumindest dann, wenn sie hoch sind und der Geldbeutel nicht auf Kante genäht ist. Weil aber der Zins im Moment niedrig ist, hätte der alte „Säufer Atatürk“ (Erdogan) eingewandt: Nein, Kanten gibt man sich, und was „klar“ in diesem Zusammenhang bedeutet, dürfte jedem aufgeklärten türkischen Trinker, der sich gerade mal wieder den Kant gegeben hat, auch noch nach dem zehnten Rakiglas glasklar sein.

Dessen ungeachtet wird der Begriff klare Kante hauptsächlich mit dem Verb „zeigen“ verwendet. Das ist komisch, weil „zeigen“ viel weniger klare Kante ist als „haben“ und noch viel weniger als „sein“. Fraglich ist weiterhin, ob klare Kante nun gut oder schlecht ist. Geht es nach dem Autor Michael Jürgs, dann sehr schlecht. Eines seiner Negativbeispiele: Ronald „Fresse“ Pofalla. Ganz anders als Jürgs sieht das der frühere SPD-Vorsitzende Franz Müntefering. Der hat mal gesagt: „Lieber klare Kante als Hose voll.“ Dass auch beides geht, weiß Münteferings Parteifreund Peer Steinbrück: aus der Zeit, in der er sich die Hosentaschen voll gemacht hat, aber auch aus der Zeit danach.

Wegen Letzterem hat sich der Verkannte mit seinem neuen Sprecher überlegt, wie er klare Kante zeigen kann, ohne anzuecken oder gar zu verkanten. Erstes, gleich wieder verworfenes Ergebnis des Brainstormings: immer schön die Kantenance wahren. Ein zweiter, an eine Twitternachricht von Mesut Özil („Mandy - ihre schönste Kurve ist ihr Lächeln“) angelehnter Einfall: Peer Steinbrück - seine schärfste Kante ist sein Lächeln. Aber auch dieser Slogan wurde wieder verworfen. Das Rennen gemacht hat schließlich eine Songzeile von Rammstein: Und der Haifisch, der hat Tränen.

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Quelle: F.A.Z.

 
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