Home
http://www.faz.net/-gv3-7abqx
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Fraktur - Die Sprachglosse Klare Kante

Auch wer gerne Klartext spricht, sollte immer schön die Kantenance wahren, auf dass dem Haifisch nicht die Tränen kommen.

© Lüdecke, Matthias Vergrößern Seine schärfste Kante: Immer schön die Kantenance wahren!

All die Politiker, die den Begriff „klare Kante“ verwenden, können im „Verein für deutliche Aussprache“ (Franz Josef Strauß) keine niedrige Mitgliedsnummer haben oder sind bereits hochkant rausgeflogen. Der Begriff ist nämlich gänzlich unklar. Es fängt schon damit an, dass man nicht recht weiß, welches Verb man ihm zur Seite stellen soll. Oder ob überhaupt eines, weil Verben sowieso was für Weicheier und Drohnengegner sind.

Timo Frasch Folgen:    

Skifahrer würden sagen: Kanten setzt man, nachdem man sie hat schleifen lassen. Handwerker wiederum meinen, dass man Kanten entgratet, Rasenmäher, dass man sie schneidet, und Bankiers, dass man etwas auf sie legt, zumindest dann, wenn sie hoch sind und der Geldbeutel nicht auf Kante genäht ist. Weil aber der Zins im Moment niedrig ist, hätte der alte „Säufer Atatürk“ (Erdogan) eingewandt: Nein, Kanten gibt man sich, und was „klar“ in diesem Zusammenhang bedeutet, dürfte jedem aufgeklärten türkischen Trinker, der sich gerade mal wieder den Kant gegeben hat, auch noch nach dem zehnten Rakiglas glasklar sein.

Dessen ungeachtet wird der Begriff klare Kante hauptsächlich mit dem Verb „zeigen“ verwendet. Das ist komisch, weil „zeigen“ viel weniger klare Kante ist als „haben“ und noch viel weniger als „sein“. Fraglich ist weiterhin, ob klare Kante nun gut oder schlecht ist. Geht es nach dem Autor Michael Jürgs, dann sehr schlecht. Eines seiner Negativbeispiele: Ronald „Fresse“ Pofalla. Ganz anders als Jürgs sieht das der frühere SPD-Vorsitzende Franz Müntefering. Der hat mal gesagt: „Lieber klare Kante als Hose voll.“ Dass auch beides geht, weiß Münteferings Parteifreund Peer Steinbrück: aus der Zeit, in der er sich die Hosentaschen voll gemacht hat, aber auch aus der Zeit danach.

Wegen Letzterem hat sich der Verkannte mit seinem neuen Sprecher überlegt, wie er klare Kante zeigen kann, ohne anzuecken oder gar zu verkanten. Erstes, gleich wieder verworfenes Ergebnis des Brainstormings: immer schön die Kantenance wahren. Ein zweiter, an eine Twitternachricht von Mesut Özil („Mandy - ihre schönste Kurve ist ihr Lächeln“) angelehnter Einfall: Peer Steinbrück - seine schärfste Kante ist sein Lächeln. Aber auch dieser Slogan wurde wieder verworfen. Das Rennen gemacht hat schließlich eine Songzeile von Rammstein: Und der Haifisch, der hat Tränen.

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
+++ Bagdad Briefing +++ Assads stiller Freund

Ägypten leistet kaum einen Beitrag zur Anti-Terror-Koalition. Aus gutem Grund. Das Sisi-Regime sieht Assads Repressionskurs als Vorbild für den Umgang mit der eigenen Opposition. Mehr Von Markus Bickel, Kairo

29.10.2014, 12:21 Uhr | Politik
Ausspähsichere Assoziativcomputer

Ein Computer, der immun ist gegen Viren, Schadsoftware oder Spähprogramme? Fast zu schön, um wahr zu sein. Forscher der Uni Hildesheim sind dabei, eine solche Wundermaschine zu entwickeln: ein Assoziativcomputer. Mehr

04.06.2014, 11:22 Uhr | Technik-Motor
Baden-Württemberg Palmer bleibt Oberbürgermeister in Tübingen

Tübingen bleibt grün: Boris Palmer hat sich bei der Oberbürgermeisterwahl klar gegen seine Konkurrenten durchgesetzt und zeigt, dass man mit ihm jetzt auch in der Bundespolitik rechnen muss. Mehr Von Rüdiger Soldt, Stuttgart

19.10.2014, 21:31 Uhr | Politik
Trailer "State Festival" Afronauts

Afronauts lebt von sehr starken Bildern - und einer absurden Geschichte, die auf wahren Begebenheiten basiert. Im Jahr 1964 beschließt Sambia ein Raumfahrtprogramm. Mehr

28.10.2014, 10:20 Uhr | Wissen
TV-Kritik Günther Jauch Der Abschiedsbrief von Udo Reiter

Unprätentiös präsentiert Günther Jauch die Abschiedsworte von Udo Reiter: Der Sendung über den Suizid des ehemaligen MDR-Intendanten gelang eine relevante Debatte, ohne in Voyeurismus zu verfallen. Mehr Von Oliver Tolmein

20.10.2014, 06:41 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 21.06.2013, 10:34 Uhr