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Fraktur - Die Sprachglosse : Kamerad - als wär’s ein Stück von mir

Mit dem Kampf gegen den Rechtsterrorismus ist ein Wort in die Schlagzeilen geraten: Kamerad. Man sollte es nicht den Extremisten überlassen.

          Ein seltsamer Hauch ging durch die Halle, als der französische Sozialist François Hollande auf dem SPD-Parteitag in Berlin die Delegierten mit den Worten „chers camarades“ begrüßte, „liebe Kameraden“. Sind die Kameraden nicht NPD-Parteitagen und Rechtsextremisten vorbehalten? Das hätten die gerne.

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          Das Wort ist im Deutschen zu einem Aussätzigen gestempelt worden, zu einem Unwort, das allenfalls noch Schulkameraden benutzen, ohne innerlich die Hacken zusammenzuschlagen. So etwas kommt den rechtsextremistischen Tabubrechern gerade recht. Unworte sind ihre Spezialität. Wird im Wörterbuch des Unmenschen die „Grammatik der Kameradschaft“ aufgenommen, die unsere Welt nach 1933 ins Unglück gestürzt habe, dann spornt das ihre Lust an der Provokation erst richtig an.

          Die Kameraden der Franzosen und Engländer („comrades“) dürfen sich dagegen noch ganz in der Mitte der Gesellschaft fühlen. In Frankreich diente das Wort den Sozialisten und allen, die noch linker sind, zur Vollendung der Französischen Revolution, die zwar Gleichheit, aber in ihren Augen nur die bürgerliche Gleichheit wollte. Gleicher als die gleichen Bürgersleute sollten die Kameraden sein, die „chers camarades“. In Deutschland endete diese Tradition mit der DDR, wo von „all’ unsern Kameraden“ keiner „so lieb und gut“ war wie der „kleine Trompeter“, den im Westen nur der Liedermacher Hannes Wader und all diejenigen besangen, die „ein lustiges Rotgardistenblut“ in sich verspürten.

          Die Rotgardisten deuten aber auch schon an, woran die Kameraden in Deutschland offenbar nicht vorbeikommen, an einer militärischen Tradition nämlich, die im Dreißigjährigen Krieg mit der Anleihe bei französischen und spanischen Kameraden beginnt und noch immer fortlebt. Ihr Höhepunkt fällt in die Zeit der Napoleonischen Befreiungskriege in Deutschland: das Lied Ludwig Uhlands vom „guten Kameraden“, vertont von Friedrich Silcher. Es gehört auch heute noch zum Repertoire der deutschen Armee: „Eine Kugel kam geflogen,/Gilt sie mir oder gilt sie dir?/Ihn hat es weggerissen,/Er liegt zu meinen Füßen,/Als wär’s ein Stück von mir.“

          Mit den „Kameraden“ der rechtsextremistischen „Kameradschaften“ hat das nichts zu tun. Wer wollte ihnen den „guten Kameraden“, den „kleinen Trompeter“, gar militärische Traditionen überlassen? Darum hatten sich schon Horst Wessel und die Nationalsozialisten bemüht. Vergeblich. Doch immerhin ist es deren Nachfahren gelungen, aus dem Wort einen Kampfbegriff für kaltes Braungardistenblut zu formen. Wer ein lieber Kamerad ist, hat etwas Besseres verdient.

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