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Fraktur - Die Sprachglosse : Jetzt geht’s um die Wurst

Kampf um die Klobasse: Warum sind wir eigentlich immer auf Unterstützung aus Österreich angewiesen? Bild: Wilhelm Busch

Eigentlich müssen wir nun doch alle Putin entgegenschleudern: Ich bin eine Krakauer!

          Früher konnte man gelegentlich in kritischen Kreisen hören, Österreich habe immer nur Unheil über Deutschland gebracht. Gemeint waren damit nicht nur Udo Jürgens und das Frostschutzmittel, das uns als Spätlese verkauft worden ist. Doch seit Conchita Wurst dem russischen Präsidenten gezeigt hat, dass Europa sein Recht auf Dekadenz zu schätzen und zu schützen weiß, wollen wir nicht länger nachtragend sein. Wo er/sie auch noch einen deutschen Namen angenommen hat. In Wien bestellen nur Piefkes eine „Wurst“. Dort isst man/frau auch keine Wiener, sondern Frankfurter, am liebsten aber eine Klobasse oder eine Eitrige. Das ist die Käsekrainer, aus der es so schön gelb herausspritzt, wenn man/frau hineinbeißt.

          Jetzt sagen Sie bitte nicht, das sei Ihnen alles wurscht! Auftritt und Triumph von Herrn/Frau Wurst sind eminent politische Akte gewesen, wie es der Gruß an Putin verdeutlichte. Es war ganz schön mutig, dem Kreml-Herrscher den Bart zu bieten. Wer ihm zuruft „Wir sind nicht aufzuhalten!“, muss damit rechnen, dass er bald Besuch von den grünen Männchen erhält. Der Russe meint ja, zu jeder Wurst seinen Senf dazugeben zu müssen. Tatsächlich schickte Putin sogleich seinen besten prorussischen Aktivisten, den Eisenbahn-Chef Jakunin, nach Berlin, um den „moralischen Verfall“ Europas und dessen „vulgären Ethno-Faschismus“ zu geißeln. Und wir wissen doch, was als nächstes geschieht, wenn Putin irgendwo Faschisten entdeckt. Da ist es doch gut, dass wenigstens wir weiter alle Möglichkeiten zum Gespräch mit Moskau nutzen (die Amerikaner lassen Jakunin gar nicht mehr rein), auch wenn der jüngste Gedankenaustausch sogar den Russland-Versteher Platzeck „richtig wuschig“ machte.

          Oder sollte er „wurstig“ gesagt haben? Denn eigentlich müssen wir doch nun alle Putin entgegenschleudern: Ich bin eine Krakauer! Bei aller Liebe zu Russland und zur veganen Ernährung dürfen wir unsere Kernwerte nicht preisgeben. Und jetzt geht’s wirklich um die Wurst. Der Verfall, den Moskau als ein Übel darstellt, gehört schon seit der Antike zu Europa, was man in Rom und Athen nicht nur an manchen Bauwerken erkennen kann. Er ist ein Motor des Fortschritts. Wo ständen wir heute, wenn alles noch so wäre wie zu den Zeiten der spätrömischen Dekadenz? Westerwelle bereut noch immer, unseren vorbildlichen Sozialstaat mit dem damaligen Sündenpfuhl verglichen zu haben. Dieser und andere Auftritte verschafften ihm den Ruf, ein ziemlicher Hanswurst zu sein. Darüber braucht er sich jetzt wirklich nicht mehr zu grämen, denn er war ja nur seiner Zeit voraus. Heutzutage ist Europa so stolz auf seine Würste, dass die Grünen über die Einführung eines Sausage-Days nachdenken sollten. Und wir alle darüber, warum wir eigentlich immer auf Unterstützung aus Österreich angewiesen sind, wenn wir so richtig Eindruck in der Welt machen wollen. Mozart war ja nun wirklich kein Deutscher.

          Quelle: F.A.Z.

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