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Veröffentlicht: 12.10.2012, 15:22 Uhr

Fraktur - Die Sprachglosse Guten Putsch!

Kubicki sagt niemals nie. Und nur ein Parteistreich der Mallorca-Fraktion kann Rösler jetzt noch retten.

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© Zeichnung Wilhelm Busch Rösler und Kubicki

Zum Glück hat sich Westerwelle neulich in dieser Bar in Tel Aviv nicht mit Netanjahu getroffen. Sonst hieße es jetzt bestimmt, die beiden hätten einen Putsch gegen Ahmadinedschad geplant. Denn nichts scheint die Deutschen so hochzuputschen wie ein schönes Putsch-Gerücht.

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Das liegt vielleicht daran, dass der letzte ordentliche Putsch schon eine Weile her ist und es seitdem ziemlich langweilig zugeht in Deutschland. Kanzler lassen sich einfach so abwählen, Generäle beantragen Altersteilzeit, Bundespräsidenten treten von selbst zurück. Nur in den Parteien strecken hin und wieder ein paar Putschisten bei einem Punsch die Köpfe zusammen, um dem jeweiligen aktuellen Vorsitzenden den finalen Punch zu verpassen. Manchmal tun sie aber auch nur so, um ihren Laden wieder interessanter zu machen und sich selbst wichtig.

Insofern erschien Kubicki jetzt auch noch von den letzten guten Geistern verlassen worden zu sein, als er beteuerte, es werde „unter meiner Beteiligung jedenfalls weder vor noch nach Niedersachsen einen Putsch geben“. So kommt die FDP doch nie auf fünf Prozent. Andererseits glaubt ihm das Dementi natürlich keiner, denn welcher Putschist kündigt seine Tat schon an? Kubicki sagte ja auch nicht „nie“, sondern nur „jedenfalls vor und nach Niedersachsen“. Dennoch sollte man hier einmal die Unschuldsvermutung für ihn und den Rest der Mallorca-Fraktion gelten lassen. Denn so, wie Kubicki über Rösler redet, hält er dessen Sturz nur für eine Frage der Zeit. Und warum sich die Hände schmutzig machen, wenn der niedersächsische Wähler die Sache ganz alleine erledigen kann?

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Das wäre dann aber wieder so ein langweiliger Abgang, der nicht einmal in den Fußnoten der Geschichtsbücher Spuren hinterließe. Da hätte ein „Kubicki-Westerwelle-Putsch“ („Balearen-Pakt“ klänge auch nicht schlecht) doch einen ganz anderen Nachhall. Und selbst für Rösler wäre dann noch etwas drin. Ewigen Ruhm, siehe Kohl, erlangen Parteivorsitzende erst, wenn sie einen Aufstand ihrer Blüms, Geißlers und Kubickis niederschlagen. So gesehen kann man der FDP und ihrem Vorsitzenden also eigentlich nur eines wünschen: Guten Putsch!

Quelle: F.A.Z.

 

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