http://www.faz.net/-gpf-72cgb
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 24.08.2012, 15:02 Uhr

Fraktur - Die Sprachglosse Gottesglück

Dem Erzengel Erika sei Dank: Endlich wissen wir, welche Gnade uns armen Sündern in Gestalt von Angela Merkel zuteil geworden ist.

von
© IMAGO Danket dem Herrn!

Liebe Leserinnen und Leser, hören Sie auch schon die Engel singen? Psalter und Harfe, wacht auf! Himmlisch, dieser Satz, wie direkt aus dem Paradies: Es sei „ein Gottesglück“, Angela Merkel als Kanzlerin zu haben. Diese frohe Botschaft verkündete uns in einem ziemlich weltlichen Blatt wohlgemerkt nicht irgendeine Gender-Mainstream-Tussi der CDU, sondern der Erzengel des Konservatismus, Erika Steinbach. Ja, Sie haben richtig gelesen, die Walküre mit der flammenden Zunge, vor der sich sogar die Polen fürchten. Es geschehen doch noch Zeichen und Wunder.

Berthold  Kohler Folgen:

Erquicket es nicht unser aller Seelen, wenn in einer christlichen Partei zum Judgement Day hin, also der nächsten Wahl, Wölfin und Lamm miteinander weiden und die Löwin Kreide, äh Stroh frisst wie das Rind? Wer von uns wollte es schon wagen, den ersten Stein auf eine spätberufene Merkel-Verehrerin zu werfen, auf eine Saula, die zur Paula wurde? Auch wir hätten bereits lange wissen können, welche Gnade uns armen Sündern im Zuge der Wiedervereinigung zuteil geworden ist, allein des Vornamens der Kanzlerin und ihrer Abstammung aus gottesfürchtigem Hause halber. Manchmal sieht man vor lauter Krisen in aller Welt (= Teufels Beitrag) Gottes Werk im Kanzleramt nicht mehr. Doch jetzt, da selbst der „Berliner Kreis“ den Balken im eigenen Auge bemerkte, der ihm das Bild von Frau Merkel verdunkelte, besteht Hoffnung, dass auch noch die verlorene Tochter Höhler zum wahren Glauben findet.

Wenn aber schon Frau Steinbach Frau Merkel für ein Gottesglück hält (da kommt auf die Theologie viel Arbeit zu), was mögen dann erst Kauder und Pofalla in der nach Forbes „mächtigsten Frau der Welt“ erkennen (als ob sie jetzt noch auf solche profane Titel angewiesen wäre)? Die Reinkarnation von Pallas Athene? Das wäre nicht vom Parteiprogramm gedeckt. Aber auch wer an den einen Gott glaubt, bleibt auf unbeantworteten Fragen sitzen. Wenn Gott schon einer unvollkommenen Gesellschaft wie der unsrigen ein Geschenk wie Angela Merkel macht: Wen erst schickt er dann zum Beispiel den Griechen? Gottes Wege sind wahrhaft unergründlich, die von God’s own party und ihren Zirkeln zunehmend aber auch.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Kardinal Woelki Wer Menschen im Mittelmeer ertrinken lässt, lässt Gott ertrinken

Ein Flüchtlingsboot aus dem Mittelmeer wird zum Altar: In seiner Predigt zu Fronleichnam erhebt der Kölner Kardinal Woelki eindringlich die Stimme in der Flüchtlingskrise – am Ende applaudieren die Gottesdienstbesucher. Mehr

26.05.2016, 14:39 Uhr | Politik
Ilse-Shima Merkel: EU will TTIP und Handelsabkommen mit Japan bis Ende 2016

Die EU will nach Angaben von Bundeskanzlerin Angela Merkel noch in diesem Jahr die Handelsabkommen mit Amerika und mit Japan fertig verhandeln. Mehr

26.05.2016, 14:13 Uhr | Politik
Ausbeutung als Todsünde Papst geißelt Profitgier von Unternehmern

Der Kampf für soziale Gerechtigkeit und gegen Armut ist Papst Franziskus seit jeher eine Herzensangelegenheit. Nun hat das katholische Kirchenoberhaupt mit skrupellosen Arbeitgebern abgerechnet. Mehr

19.05.2016, 15:46 Uhr | Politik
Erneuerbare Energien Merkel: Keine Einigung beim EEG

Bund und Länder konnten sich noch nicht auf das künftige Tempo beim Ausbau der erneuerbaren Energien verständigen. Aber die Zeit dränge, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel am Donnerstagabend nach einem Bund-Länder-Treffen in Berlin. In Kraft treten solle die Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes Anfang nächsten Jahres. Mehr

13.05.2016, 08:50 Uhr | Politik
Deutsche Sicherheitspolitik Wann raffen wir uns endlich auf?

Nur das tun, was gerade nötig ist. Und bloß keine Kampfeinsätze. Die Friedensliebe unseres Staates bringt uns überallhin. Nur nicht in eine sichere Zukunft. Ein Gastbeitrag. Mehr Von Wolf Poulet

20.05.2016, 10:08 Uhr | Politik