Home
http://www.faz.net/-gv3-77on1
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Fraktur - Die Sprachglosse Geschlossen offen

Die Parteien rufen ihre Mitglieder zur Geschlossenheit auf. Denn es geht ja darum, für alles offen zu sein.

© ullstein bild Vergrößern Geschlossene Gesellschaft. Oder doch die für alles offene?

Zu Geschlossenheit wird naturgemäß in denjenigen Parteien aufgerufen, in denen ganz viel offen ist: Wunden, Rechnungen, die Zukunft, Polen. Heißt das: Geschlossen ist gut, offen ist schlecht? Diese geschlossene Frage muss zunächst offen bleiben, denn so offen liegen die Dinge leider nicht da. Beispiel: Polen. „Jetzt ist Polen offen“ bedeutete im 18. Jahrhundert, als das Sprichwort offenbar entstand, etwas ganz anderes als im Wendejahr 1989 oder 2007, als Polen dem Schengener Abkommen beitrat.

Timo Frasch Folgen:    

Anderes Beispiel, auch verwirrend: Fußball. Ein Spiel ist da paradoxerweise so lange offen, wie es keinem Spieler gelingt, das Spiel zu öffnen, weil die Räume zu und die Abwehrreihen geschlossen sind. Und noch ein weiteres Beispiel: geschlossene Gesellschaft. Sie ist nur gut für den, der drin ist, aber schlecht für den, der draußen steht. Sollte man jedenfalls meinen, man denke nur an den Film „Eyes wide shut“.

Aber auch das stimmt nicht. Bei Sartre etwa ist die geschlossene Gesellschaft im gleichnamigen Drama die Hölle, in der sich die Menschen gegenseitig wie Parteifreunde behandeln. Bei Karl Popper hingegen ist die geschlossene Gesellschaft mit geschlossenem Weltbild der „Himmel auf Erden“, aus dem man allerdings nicht mehr rauskommt. Also auch die Hölle.

Popper ist ein Hausheiliger der FDP. Folglich ermunterte deren Chef die deutsche Gesellschaft kürzlich zu Offenheit gegenüber allem Möglichen, offene Beziehungen eingeschlossen. Ausgerechnet seine Partei schloss er aber davon aus, indem er sie zu „Geschlossenheit“ aufrief - im Kampf gegen die Feinde der offenen Gesellschaft. Ob das hilft, ist fraglich. Schließlich heißt es nicht: „entwaffnende Geschlossenheit“, sondern „entwaffnende Offenheit“. Der Ausgang ist offen. Das heißt auch: Man kann jederzeit raus.

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Landtagswahl in Sachsen Das Leiden an der Wohlstandsgrenze

Steigende Kriminalitätszahlen kollidieren in Sachsen mit dem geplanten Personalabbau bei der Polizei. Der Unmut wächst - und das mitten im Landtagswahlkampf. Mehr

22.08.2014, 07:54 Uhr | Politik
Eklat in Berlin Protest nach Polen-Witz bei Schwimm-EM

Bei der Schwimm-EM in Berlin macht der Hallensprecher einen Witz über polnische Autodiebe. Die Botschaft und der Verband sind empört und protestieren bei den Organisatoren. Mehr

21.08.2014, 16:53 Uhr | Sport
Ukraine Wahlvorbereitungen in Kriegszeiten

Kiew bereitet die erste Parlamentswahl seit dem Sturz des autoritären Präsidenten Janukowitsch vor, während russischen Truppen im Südosten des Landes intervenieren. Mehr

30.08.2014, 12:08 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 15.03.2013, 12:32 Uhr