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Fraktur - Die Sprachglosse Erschießen Sie das Nashorn!

Wie uns die Entgrenzung des Kunstbegriffs zu einer völlig neuen Sicht auf die Werke der Performance-Künstler in der Politik verhilft.

© Bridge/F1online Vergrößern Kunst muss weh tun: Erschießen Sie das Nashorn!

Seit dem jüngsten Freispruch für den Künstler Jonathan Meese, der 2012 in einem Gespräch mit dem „Spiegel“ seinen rechten Arm im Rahmen einer künstlerischen Performance zum Hitlergruß erhoben hatte, ist endlich wieder Schwung in die Debatte darüber gekommen, was denn nun Kunst sei und was nicht. So sollen die Anwälte des „Nazi-Deppen“ („Bild“-Zeitung), der zuletzt vor einem Asylbewerberheim in Berlin-Hellersdorf ebenfalls seinen rechten Arm nach vorne oben gereckt hatte, das Meese-Urteil aufmerksam studiert haben.

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Aus Kreisen, die dem „Nazi-Deppen“ angeblich nahestehen, hieß es, der Hitlergruß des Mannes sei nicht als Kritik an der deutschen Asylpolitik oder gar an den Asylbewerbern zu verstehen, sondern als künstlerische Verarbeitung des Meese-Urteils. Meese selbst wiederum soll erwägen, den „Nazi-Deppen“ wegen Plagiats zu verklagen.

Damit wären wir bei Karl-Theodor zu Guttenberg, der als politischer Performance-Künstler von der überfälligen Entgrenzung des Kunstbegriffs ebenfalls profitieren würde. Denn seine Doktorarbeit könnte dann als postmoderner „Remix“ interpretiert werden, wie es Helene Hegemann im Fall ihres Patchwork-Romans „Axolotl Roadkill“ getan hat. Es wird sich doch ein Kunsthistoriker finden lassen, der auf die Künstlerin Elaine Sturtevant verweist, die das Konzept der künstlerischen Originalität auf den Kopf stelle, indem sie die Werke anderer Künstler kopiere. Und der dann darlegt, dass Guttenberg dieses Verfahren aus der Welt der Kunst in die der Wissenschaft überführt habe, was nicht weniger als eine Revolution sei.

In diesem Zusammenhang ist weiterhin zu erwähnen, dass der britische Geheimdienst nach Auskunft eines Whistleblowers beabsichtigt, sich demnächst zur Urheberschaft am Autounfall von Prinzessin Diana zu bekennen. Auch in diesem Fall soll es sich um ein Kunstwerk gehandelt haben, das später von Jörg Haider in so radikaler Weise zitiert wurde. Dessen Autounfall-Performance hat der deutsche Schriftsteller Rainald Goetz denn auch als „das Realkunstwerk des Jahres 2008“ erkannt.

„Kunst muss weh tun“, hat der Schriftsteller Clemens Meyer zuletzt in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gesagt. Was könnte demnach das Realkunstwerk des Jahres 2013 sein? Der Meese-Prozess? Die nackte Lady Gaga? Der Wahlkampf von Steinbrück? Oder doch vielleicht Sie? Noch haben Sie vier Monate Zeit. Gehen Sie raus, und erschießen Sie das letzte Spitzmaulnashorn, um ein künstlerisches Zeichen gegen die Ausrottung des Spitzmaulnashorns zu setzen! Denken Sie Baselitz weiter, und drehen Sie Ihre Ölgemälde im Wohnzimmer um 360 statt um 180 Grad! Oder lassen Sie es einfach bleiben!

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Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 30.08.2013, 16:21 Uhr