http://www.faz.net/-gpf-78vcc
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 03.05.2013, 17:09 Uhr

Fraktur - Die Sprachglosse Dienen

Auch in der Politik will niemand mehr bedient werden, alle wollen nur noch demütigst dienen. Denn darin liegt die wahre Macht.

von
© Interfoto Die Dialektik des Dienstmannes: Ein Hegelianer im Himmel

Der Philosoph Hegel, der nichts Besseres wusste, als sich mit der Dialektik von Herrschen und Dienen zu beschäftigen, hätte dieser Tage, wenn er nicht so früh gestorben wäre, aufmerksam nach Nepal geblickt: Dort ist es zu einer Art Schlägerei zwischen westlichen Bergsteigern und Sherpas gekommen. Kern des Konflikts auf 7000 Metern Höhe war, vereinfacht gesagt, dass die, die es gewohnt sind zu dienen, es nicht ertragen können, nicht mehr dienen zu sollen, und nicht verstehen, warum die feinen Herren nicht mehr Herren über andere, sondern nur noch über sich selbst sein wollen.

Timo Frasch Folgen:

Auch in der Politik gibt es Sherpas, auf EU-Gipfeln zum Beispiel. Auch dort sind das die Leute, die das Gepäck, Akten zumeist, tragen und sonstige Hilfsdienste leisten. Und auch dort droht die Lage zu eskalieren. Denn auch in der Politik will niemand mehr bedient werden. „Demut“ (Annette Schavan, Gerda Hasselfeldt) ist das Gebot der Stunde. Deshalb bedient man sich entweder selbst (Georg Schmid et al.) oder man dient - sich nach oben zum Beispiel.

Angefangen hat es schon mit Friedrich II., der erster Diener des Staates sein wollte. Daran angeknüpft hat einige Zeit später Angela Merkel, als sie 2005 im Wahlkampf sagte, sie wolle als Kanzlerin „Deutschland dienen“. Sodann hat Verteidigungsminister de Maizière das Dienen als „nobel“ geadelt. Und zuletzt kam auch noch Sigmar Gabriel um die Ecke und ließ vor dem SPD-Parteitag verbreiten, er wolle eine „dienende Rede“ halten.

Alles nichts gegen Uli Hoeneß, den „größten Diener des FC Bayern“ (Franz Beckenbauer), den „Vater Teresa vom Tegernsee, den Nelson Mandela von der Säbener Straße“ (Kalle Rummenigge), den heiligen Johann der Schlachthöfe (Bert Brecht), der sich noch an jedem Gründonnerstag zu den Bayern-Ersatzspielern hinuntergebeugt und ihnen die Fußballschuhe eingefettet hat. „Wahre Macht liegt im Dienen“, hat der neue Papst gesagt. Servi et impera!

Wer wahre Macht will, dem bleibt also gar nichts anderes übrig als den Diener zu machen. Nur: Vor wem? Kann man zwei Herren gleichzeitig dienen, Gott und dem Mammon? Dem FC Bayern und der Börse? 80 Millionen Deutschen und sich selbst?

Bei Hoeneß hat es zur Enttäuschung von Frau Merkel nicht geklappt. Der einstige Münchner im Himmel ist nun, wie er selbst gegenüber „hallomuenchen.de“ sagte, in der Hölle gelandet. „Lieber in der Hölle herrschen als im Himmel dienen“, hat dazu John Milton in seinem epischen Gedicht „Paradise lost“ geschrieben. Für einen Mann wie Hoeneß, der demnächst den Gipfelsieg am Olymp einfahren wollte, ist das freilich kein Trost. Bleibt, wie für viele Gefallene, mal wieder nur die Bibel, etwa Matthäus 4,8 f.:

„Wieder nahm ihn der Teufel mit sich und führte ihn auf einen sehr hohen Berg; er zeigte ihm alle Reiche der Welt mit ihrer Pracht und sagte zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest.“

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Riss in der Union Seehofer will kein Krisentreffen mit Merkel

Der Streit um die Flüchtlingskrise hat CSU und CDU entfremdet. Eine gemeinsame Klausur sollte den Graben verkleinern. Die Schwierigkeit: Ein solches Treffen würde momentan aussehen wie ein Krisengipfel. Doch diesen Eindruck will CSU-Chef Seehofer auf jeden Fall vermeiden. Mehr

30.05.2016, 15:01 Uhr | Politik
Olympia 2012 Kanuten mit Doppel-Gold

Siege im Zweier-Kanadier der Herren und im Zweier-Kajak der Frauen schieben Deutschland im Olympia-Ranking nach vorn. Die Kanuten sind sichere Medaillengewinner bei den Spielen in London. Mehr

27.05.2016, 13:45 Uhr | Sport
Rassistische Äußerungen Gauland bestreitet Beleidigung von Boateng

Der stellvertretende AfD-Vorsitzende Gauland will den Fußball-Nationalspieler Jerome Boateng nie beleidigt haben. Ich kenne ihn nicht und käme daher auch nicht auf die Idee, ihn als Persönlichkeit abzuwerten, teilte er mit. Die Aufzeichnungen der F.A.S.-Korrespondenten beweisen jedoch das Gegenteil. Mehr

29.05.2016, 12:48 Uhr | Politik
Kathmandu Ausschreitungen bei Protesten in Nepal

In der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu ist es am Montag bei einer Demonstration zu Ausschreitungen zwischen Polizei und Demonstranten gekommen. Die Proteste der ethnischen Minderheit der Madhesi richten sich gegen die neue Verfassung. Mehr

16.05.2016, 12:13 Uhr | Politik
100 Jahre nach der Schlacht Merkel und Hollande gedenken der Hölle von Verdun

300.000 französische und deutsche Soldaten starben vor 100 Jahren in der Schlacht von Verdun. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident François Hollande gedenken gemeinsam der Toten. Mehr

29.05.2016, 12:45 Uhr | Aktuell