Home
http://www.faz.net/-gpf-7av3q
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 28.06.2013, 16:16 Uhr

Fraktur - Die Sprachglosse Die deutsche Leidkultur

Politiker leiden gern, am liebsten wie ein Hund. Doch woran und worunter? Wir sind diese leidigen Leidensgeschichten langsam leid.

© Foto Wenzel Leidet wie ein Politiker

Manche Philosophen gehen davon aus, dass Gemeinwesen genesen müssen - also krank sind. Den Politiker vergleichen sie deshalb mit einem Arzt, der den Volkskörper zu kurieren und die Volksseele zu massieren hat. Dass Ärzte wie Philipp Rösler oder Che Guevara die Politik der Poliklinik vorgezogen haben, ist mithin nichts Ungewöhnliches. Dem Vergleich liegt dabei eine klare Rollenverteilung zugrunde: Die Politiker heilen, die Bürger leiden, und sei es unter den Politikern, die naturgemäß dann am kundigsten sind, wenn es ums Kurieren von Krankheiten geht, die sie selbst verursacht haben.

Timo Frasch Folgen:

Seit geraumer Zeit ist nun zu beobachten, dass die Ärzte selbst zu Patienten geworden sind. Begründet hat die Leidkultur Fidel Castro. Lange bevor er an seiner Magen-Darm-Geschichte litt, gab er schon zu Protokoll, dass das Regieren kein Vergnügen sei, sondern ein Opfer. Sodann kam Christian Wulff, der im Jahr 2000 „physisch“ darunter litt, „dass wir keinen unbefangenen Präsidenten haben“. Später folgten Edmund Stoiber, der „wie ein Hund“ litt, Daniel Cohn-Bendit, der „an“ Eintracht Frankfurt litt, sowie Karl-Theodor zu Guttenberg, der sich, nachdem er das Augenmaß verloren hatte, bei einer reizenden indischen Augenärztin in Behandlung begeben musste.

Verteidigungsminister scheinen sowieso besonders leidgeplagt zu sein. Während Guttenbergs Vorgänger Franz Josef Jung 2011 klagte, er leide „noch immer darunter, dass wir die Wehrpflicht ausgesetzt haben“, wagte sich zuletzt auch Guttenbergs Nachfolger Thomas de Maizière aus der Deckung und gab unumwunden zu: „Ich leide.“ Aber auch leiden muss man können, und zwar nicht nur sich selbst. Bei de Maizière, dessen Politik nur unzureichend Auskunft über sein politisches Potential gibt, fragt man sich jedoch: Was leidet er? Oder woran? Oder worunter? Was hat ihm sein Amt so verleidet, dass er zum Leiden verleitet wurde? Ist es das leidige Thema Drohnen? Ist er es langsam leid? Tut es ihm leid? Oder er sich? Oder wir uns?

Vielleicht sollte de Maizière seine reizende Amtskollegin Jeanine Hennis-Plasschaert fragen. Der hatte er einst seinen Mantel gegeben, als sie in der Türkei unter der Kälte litt, die dort seit Erdogan herrscht. Hennis-Plasschaert stammt aus den Niederlanden. Leiden müsste ihr schon deshalb vertraut sein.

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Verteidigung Von der Leyen will Bundeswehr mit 130 Milliarden Euro sanieren

Schlechte Ausrüstung und mangelnde Einsatzbereitschaft: Der Wehrbeauftragte kritisiert die Mangelwirtschaft bei der Bundeswehr. Verteidigungsministerin von der Leyen plant Investitionen in Milliardenhöhe. Mehr

26.01.2016, 16:22 Uhr | Politik
Frankreich Hollande fordert Ende von Amerikas Sanktionen gegen Kuba

Der französische Staatschef empfing den kubanischen Präsidenten Raul Castro zu einem Staatsbesuch in Paris. Dabei forderte er ein Ende der amerikanischen Sanktionen gegen Kuba. Mehr

02.02.2016, 08:55 Uhr | Politik
Zika-Virus Brasiliens Staatsfeind Nummer eins

Tausende Neugeborene, deren Mütter sich in Brasilien mit dem Zika-Virus infiziert hatten, sind mit Fehlbildungen zur Welt gekommen. Die Regierung hat nun Soldaten mobilisiert, um die mysteriöse Krankheit einzudämmen – auch mit Blick auf die Olympischen Spiele. Mehr Von Matthias Rüb, São Paulo

28.01.2016, 11:32 Uhr | Politik
Istanbul De Maizière: Kein Hinweis auf gezielten Anschlag gegen Deutsche

Der Attentäter von Istanbul hat sich nach Angaben von Thomas de Maizière nicht gezielt deutsche Touristen als Opfer ausgesucht. Gleichzeitig dankte der Bundesinnenminister den türkischen Behörden für die Zusammenarbeit. Mehr

13.01.2016, 13:18 Uhr | Politik
Kosenamen Hör mal, Schatz!

Bärchen, Mausi oder Hasi: Wenn wir einander mit Kosenamen rufen, ist das für Ohrenzeugen ziemlich peinlich. In Deutschland erfreut sich aber ein Spitzname besonderer Beliebtheit. Das hat gute Gründe. Mehr Von Markus Collalti

28.01.2016, 16:11 Uhr | Gesellschaft