Home
http://www.faz.net/-gpf-7av3q
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Fraktur - Die Sprachglosse Die deutsche Leidkultur

Politiker leiden gern, am liebsten wie ein Hund. Doch woran und worunter? Wir sind diese leidigen Leidensgeschichten langsam leid.

© Foto Wenzel Leidet wie ein Politiker

Manche Philosophen gehen davon aus, dass Gemeinwesen genesen müssen - also krank sind. Den Politiker vergleichen sie deshalb mit einem Arzt, der den Volkskörper zu kurieren und die Volksseele zu massieren hat. Dass Ärzte wie Philipp Rösler oder Che Guevara die Politik der Poliklinik vorgezogen haben, ist mithin nichts Ungewöhnliches. Dem Vergleich liegt dabei eine klare Rollenverteilung zugrunde: Die Politiker heilen, die Bürger leiden, und sei es unter den Politikern, die naturgemäß dann am kundigsten sind, wenn es ums Kurieren von Krankheiten geht, die sie selbst verursacht haben.

Timo Frasch Folgen:

Seit geraumer Zeit ist nun zu beobachten, dass die Ärzte selbst zu Patienten geworden sind. Begründet hat die Leidkultur Fidel Castro. Lange bevor er an seiner Magen-Darm-Geschichte litt, gab er schon zu Protokoll, dass das Regieren kein Vergnügen sei, sondern ein Opfer. Sodann kam Christian Wulff, der im Jahr 2000 „physisch“ darunter litt, „dass wir keinen unbefangenen Präsidenten haben“. Später folgten Edmund Stoiber, der „wie ein Hund“ litt, Daniel Cohn-Bendit, der „an“ Eintracht Frankfurt litt, sowie Karl-Theodor zu Guttenberg, der sich, nachdem er das Augenmaß verloren hatte, bei einer reizenden indischen Augenärztin in Behandlung begeben musste.

Verteidigungsminister scheinen sowieso besonders leidgeplagt zu sein. Während Guttenbergs Vorgänger Franz Josef Jung 2011 klagte, er leide „noch immer darunter, dass wir die Wehrpflicht ausgesetzt haben“, wagte sich zuletzt auch Guttenbergs Nachfolger Thomas de Maizière aus der Deckung und gab unumwunden zu: „Ich leide.“ Aber auch leiden muss man können, und zwar nicht nur sich selbst. Bei de Maizière, dessen Politik nur unzureichend Auskunft über sein politisches Potential gibt, fragt man sich jedoch: Was leidet er? Oder woran? Oder worunter? Was hat ihm sein Amt so verleidet, dass er zum Leiden verleitet wurde? Ist es das leidige Thema Drohnen? Ist er es langsam leid? Tut es ihm leid? Oder er sich? Oder wir uns?

Vielleicht sollte de Maizière seine reizende Amtskollegin Jeanine Hennis-Plasschaert fragen. Der hatte er einst seinen Mantel gegeben, als sie in der Türkei unter der Kälte litt, die dort seit Erdogan herrscht. Hennis-Plasschaert stammt aus den Niederlanden. Leiden müsste ihr schon deshalb vertraut sein.

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Wirtschafts-Sanktionen Die Geschichte des gescheiterten Kuba-Embargos

Seit heute wehen wieder kubanische Flaggen in Washington. Fast 50 Jahre lang hat Amerika Kuba mit Sanktionen bestraft. Gebracht hat es wenig. Nun steht eine Wende an. Mehr Von Winand von Petersdorff, Washington

20.07.2015, 16:46 Uhr | Wirtschaft
Kongo Che Guevaras afrikanisches Abenteuer

Vor 50 Jahren startete Che Guevara im Kongo seinen revolutionären Feldzug in Afrika - höchstpersönlich entsendet vom kubanischen Führer Fidel Castro. Ziel war es, gegen den von Amerika unterstützten General Mobutu vorzugehen. Mehr

24.04.2015, 17:25 Uhr | Aktuell
Steinmeier in Kuba Außen Stalin, innen Karibik

Außenminister Steinmeier erkundet in Havanna, welche Chancen die Öffnung Kubas für Deutschland birgt. Das Regime lässt allerdings keinen Reformeifer erkennen. Mehr Von Majid Sattar, Havanna

17.07.2015, 17:51 Uhr | Politik
Historisches Treffen Hollande trifft Raúl und Fidel Castro in Kuba

Frankreichs Präsident Hollande hat Kuba besucht. Bei seinem Besuch traf er Staatschef Raúl Castro, zuvor hatte er Kubas Revolutionsführer Fidel Castro besucht. Mehr

12.05.2015, 11:00 Uhr | Politik
Besuch in Kuba Steinmeier verspricht Castro Deutschlands Unterstützung

Außenminister Frank-Walter Steinmeier hat sich mit dem kubanischen Staatspräsidenten, Raúl Castro, getroffen. In dem zweistündigen Gespräch soll es auch um Menschenrechte in Kuba gegangen sein. Mehr

17.07.2015, 08:37 Uhr | Politik

Veröffentlicht: 28.06.2013, 16:16 Uhr