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Fraktur - Die Sprachglosse : Die deutsche Leidkultur

Leidet wie ein Politiker Bild: Foto Wenzel

Politiker leiden gern, am liebsten wie ein Hund. Doch woran und worunter? Wir sind diese leidigen Leidensgeschichten langsam leid.

          Manche Philosophen gehen davon aus, dass Gemeinwesen genesen müssen - also krank sind. Den Politiker vergleichen sie deshalb mit einem Arzt, der den Volkskörper zu kurieren und die Volksseele zu massieren hat. Dass Ärzte wie Philipp Rösler oder Che Guevara die Politik der Poliklinik vorgezogen haben, ist mithin nichts Ungewöhnliches. Dem Vergleich liegt dabei eine klare Rollenverteilung zugrunde: Die Politiker heilen, die Bürger leiden, und sei es unter den Politikern, die naturgemäß dann am kundigsten sind, wenn es ums Kurieren von Krankheiten geht, die sie selbst verursacht haben.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.

          Seit geraumer Zeit ist nun zu beobachten, dass die Ärzte selbst zu Patienten geworden sind. Begründet hat die Leidkultur Fidel Castro. Lange bevor er an seiner Magen-Darm-Geschichte litt, gab er schon zu Protokoll, dass das Regieren kein Vergnügen sei, sondern ein Opfer. Sodann kam Christian Wulff, der im Jahr 2000 „physisch“ darunter litt, „dass wir keinen unbefangenen Präsidenten haben“. Später folgten Edmund Stoiber, der „wie ein Hund“ litt, Daniel Cohn-Bendit, der „an“ Eintracht Frankfurt litt, sowie Karl-Theodor zu Guttenberg, der sich, nachdem er das Augenmaß verloren hatte, bei einer reizenden indischen Augenärztin in Behandlung begeben musste.

          Verteidigungsminister scheinen sowieso besonders leidgeplagt zu sein. Während Guttenbergs Vorgänger Franz Josef Jung 2011 klagte, er leide „noch immer darunter, dass wir die Wehrpflicht ausgesetzt haben“, wagte sich zuletzt auch Guttenbergs Nachfolger Thomas de Maizière aus der Deckung und gab unumwunden zu: „Ich leide.“ Aber auch leiden muss man können, und zwar nicht nur sich selbst. Bei de Maizière, dessen Politik nur unzureichend Auskunft über sein politisches Potential gibt, fragt man sich jedoch: Was leidet er? Oder woran? Oder worunter? Was hat ihm sein Amt so verleidet, dass er zum Leiden verleitet wurde? Ist es das leidige Thema Drohnen? Ist er es langsam leid? Tut es ihm leid? Oder er sich? Oder wir uns?

          Vielleicht sollte de Maizière seine reizende Amtskollegin Jeanine Hennis-Plasschaert fragen. Der hatte er einst seinen Mantel gegeben, als sie in der Türkei unter der Kälte litt, die dort seit Erdogan herrscht. Hennis-Plasschaert stammt aus den Niederlanden. Leiden müsste ihr schon deshalb vertraut sein.

          Quelle: F.A.Z.

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