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Veröffentlicht: 20.07.2012, 16:40 Uhr

Fraktur - Die Sprachglosse Authentisch

Authentisch ist, wer sonst nichts kann. Es verwundert daher nicht, dass sich in der Politik gegenwärtig ein Kult der Authentizität Bahn bricht.

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Authentisch ist, wer sonst nichts kann. Es verwundert daher nicht, dass sich in der Politik gegenwärtig ein Kult der Authentizität Bahn bricht, der weder vor der schwäbischen Hausfrau noch vor der ehrlichen Currywurst haltmacht. Wegweisend auf diesem Gebiet war der kurzweilige Ministerpräsident Mappus, der - Staatsamt hin oder her - ganz unverstellt seine Nägel kaute, Parteifreunde mit den wahrhaft wahrhaftigen Worten „Fresse halten“ bedachte und die ENBW-Aktien zu dem Preis kaufte, auf den er und sein Kumpel gerade Böcke hatten. Vor Mappus war schon der einstige Chef des Thüringer Verfassungsschutzes Roewer als besonders authentisch aufgefallen: In seinem Amt war er so sehr er selbst, dass er seine nackten Füße auf den Schreibtisch gelegt und über Dienstgeheimnisse in der Kaffeeküche geplaudert haben soll.

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Auch Bundesumweltminister Peter Altmaier gehört zu den Authentischen: In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung äußerte er sinngemäß, dass er weniger authentisch wäre, wenn er abnehmen würde. Das viele Essen gehört zu ihm also wie die Zigaretten zu Helmut Schmidt, die Zweifel zur Eifel oder der großstädtische Liebesbegriff zu Ole von Beust. Dieser hat sich jüngst in der „Süddeutschen Zeitung“ darüber mokiert, dass die Politiker die Wahrheit „im Wortschwall einer Insidersprache“ verklausulierten, und ein „Plädoyer für die offene Rede“ gehalten. Aber wäre es tatsächlich hilfreich, wenn Politiker, anstatt sich etwa „besorgt“ über die Lage in Syrien zu äußern, dem syrischen Diktator damit drohten, ihn „in die Eier“ zu treten? Oder wenn Volker Kauder in Richtung München twitterte: „Fresse halten“? Wohl kaum. Tatsächlich geht es nicht darum, authentisch zu sein, sondern darum, authentisch zu tun - um eine höhere Form der Lüge also.

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Vermutlich ungewollt hat Altmaier ebendiese Wahrheit im F.A.S.-Interview auch zum Ausdruck gebracht, als er sagte: Entscheidend sei, „dass ein Politiker den Eindruck (!) vermittelt, als Person authentisch zu sein“. Wie das geht, war vor kurzem an Horst Seehofer zu studieren, dessen zeitweilig mehrdimensionaler Beziehungsstatus ihn zu einem wahren Authentizitätsartisten gemacht hat. Mit großer Geste erlaubte er dem „Heute-Journal“, ein angeblich vertrauliches Gespräch mit ihm zu senden. Das kam so authentisch rüber, dass die Zuschauer über die Nichtigkeit des Gesprächsinhalts glatt hinweggetäuscht wurden.

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