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Fraktur - Die Sprachglosse : Auf surreale Art

Surreale Vor- und Abgänge in der EU: Da wäre selbst Dalí sprachlos gewesen. Bild: culture-images/Photo12

Auch Angela Merkel muss den italienischen Weg einschlagen. Denn nur in einer Welt, in der es keine Logik gibt, gibt es keine Widersprüche.

          Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel hat zuletzt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mehr Aufklärung im Sinne Immanuel Kants verlangt. Um Gottes willen!, kann man da nur sagen. Es reicht doch schon, dass die Dinge sind, wie sie sind, dessen muss man sich nicht auch noch bewusst werden. Das Gebot der Stunde ist deshalb nicht mehr, sondern weniger Aufklärung, nicht die totale Bewusstseinsmobilisierung, sondern die Auflösung des Bewusstseins, wie sie vor knapp hundert Jahren die Surrealisten gepredigt haben.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.

          Womit wir in Italien wären. Dort hat Staatspräsident Napolitano unter der Woche mitgeteilt, er beende seine Amtszeit „auf surreale Art“. Nun hält es heutzutage schon jeder Kiffer für surreal, wenn er seine Bong statt wie üblich hinter dem Seziertisch zufällig unter der Nähmaschine oder auf dem Regenschirm vorfindet. Napolitanos Begriffsgebrauch geht da schon eher in die richtige Richtung, wenn er von „absurden und unverständlichen Verdächtigungen und Gedankenspielen“ in seinem Land spricht, „zwischen dem Genialen und dem Verrückten“.

          Dieser italienische Weg, der in der kompletten Besinnungslosigkeit endet, dort, wo laut dem Surrealismus-Begründer André Breton das Reale und das Imaginäre, das Leben und der Tod sowie die FDP und der Mindestlohn nicht mehr länger als Gegensätze wahrgenommen werden, dieser Weg muss auch von der Physikerin Angela Merkel eingeschlagen werden. Denn nur in einer Welt, in der es keine Logik gibt, gibt es keine Widersprüche. Und nur dort, wo die Wahrheit ein Mythos ist, wird nie gelogen.

          Bestes Beispiel: Die Spareinlagen sind sicher. Dazu hat die mexikanische Malerin Frida Kahlo einmal en passant was Interessantes gesagt, als sie den Surrealismus definierte. Dieser sei „die magische Überraschung, wenn man im Kleiderschrank einen Löwen findet, wo man doch wusste, dass dort nur Hemden liegen können“. So ähnlich könnte es uns bald beim Blick auf unsere Kontoauszüge gehen.

          Quelle: F.A.Z.

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