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Fraktur - Die Sprachglosse Absichten

Wenn Politiker sagen, sie hätten etwas ohne Absicht getan, vergessen sie, dass ihr Beruf nur aus Absichten besteht. Auch das Unwillkürliche tut man dort nicht unbewusst.

© dpa Vergrößern Mister Intentional: FDP-Generalsekretär Döring auf einem Bundesparteitag in Karlsruhe

Dass Politiker manchmal - Uppsala! - Dinge ohne Absicht tun, mögen die Normalsterblichen der Republik ihnen gerne verzeihen. Schließlich sind wir alle (nur) Menschen, die da unten im Plenarsaal und wir da oben auf der Besucherterrasse. Nur den Erbsenzählern der analytischen Philosophie mag unwillkürlich auffallen, dass dem gemeinen Homo politicus - in kognitiver Hinsicht - dabei ein ungewolltes Kunststück gelingt: die beabsichtigte Absichtslosigkeit bei gleichzeitiger bewusster Unwissenheit. Frei nach den geistesphilosophisch hochinteressanten Prinzipien: „Ich wollte das doch nicht mit Absicht tun.“ Und: „Ich wusste ja nicht, dass mir das bekannt war.“

Justus Bender Folgen:  

Die offenbar irrige Annahme, hierbei handele es sich um sogenannte Widersprüche, trug jüngst - und ungewollt? - der liberale Generalsekretär Patrick Döring vor. Kurz nachdem das FDP-Präsidium mit der Ablehnung des Betreuungsgeldes die Berliner Koalition in Frage gestellt hatte, sagte Döring, seine Partei habe „nicht die Absicht“, die Berliner Koalition in Frage zu stellen. Gemeinhin nehmen Hirnforscher an, dass der Mensch (Homo sapiens) zwar tun kann, was er will, dass er aber nicht wollen kann, was er will. Überprüfen lässt sich diese These mit der einfachen Vorstellung, man wolle Schokolade und versuche dann zu wollen, dass man keine Schokolade wolle - unmöglich.

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Eine Variation dieses Versuchsaufbaus muss das Telefonat zwischen Philipp Rösler, Angela Merkel und Horst Seehofer sein, das vor und nach angeblichen Koalitionskrisen stattfindet. Darin soll Rösler einmal die Absicht der FDP erläutert haben, Dinge zu tun, die eine Koalitionskrise auslösen könnten, er aber nicht die Absicht habe, Dinge mit dieser Wirkung zu tun. Wie Rösler dabei noch vor der eigentlichen Entscheidung die Unwissenheit erklärt hat, auf die sich Menschen berufen, wenn sie im Nachhinein für die Folgen ihrer Handlungen um Verständnis bitten, muss dem Gespräch einen gewissen grammatikalischen Esprit verliehen haben.

Weil der Broterwerb von Politikern - im Unterschied zu dem von Nichtpolitikern - vor allem aus der politischen Willensbildung besteht, beinhaltet die Rede von der Absichtslosigkeit eine ungewollte Komik. Ein Politiker, der sagt, etwas ohne Absicht getan zu haben, vergisst, dass sein Tun doch notwendigerweise aus Absichten bestehen muss, also dem Wollen oder Nichtwollen von in Gesetzesentwürfe gegossenen Intentionen. Was ein Politiker wirklich tut, wenn er sagt, er habe unbeabsichtigt eine Absicht in Bezug auf eine andere Absicht gehabt, ist eigentlich nur, dass er rein gar nichts getan hat. Vielleicht klingt das für semantisch empfindliche Bürger aufrichtiger als ein sinngemäßes: „Ich wollte nicht tun, was ich getan haben wollte.“

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 26.10.2012, 16:40 Uhr