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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Fraktur Der Rhythmus, bei dem der Deutsche einfach mitmuss

Genug von Rassismus, Sexismus, Journalismus? Das verstehen wir, warnen aber davor, jeden Ismus zu verteufeln.

© Wilhelm Busch Vergrößern Unerträgliches, bei der Säuberung wohl übersehen: „Dem Neger wird das Herze bang, die Seele kurz, die Nase lang.“ (Zitat und Zeichnung Wilhelm Busch)

Vor dem Ismus wird in Deutschland schon gewarnt, seit Marx ihn ausgebeutet hat. Und, war diese Warnung nicht berechtigt? Es folgten wie aus einem Maschinengewehr der Lenin-, Stalin-, Nationalsozial- und der real existierende Sozialismus. Natürlich darf auch der wichtigste aller Ismen, der Feminismus, nicht vergessen werden, das wäre glatte Diskriminierung. Doch soll hier auf gar keinen Fall der Eindruck entstehen, man wolle den Feminismus mit irgendeinem der vorgenannten Ismen auch nur im Entferntesten vergleichen (und damit irgendetwas relativieren!), weswegen der Feminismus hier auch einen eigenen Satz bekommen hat.

Berthold  Kohler Folgen:  

Der Ismus ist ganz offensichtlich der Rhythmus, bei dem der Deutsche einfach mitmuss. Wer gehofft hatte, nach dem langersehnten Bankrott des Kapitalismus in Deutschland endlich einmal zu einem anderen Takt tanzen zu können, muss bitter enttäuscht sein. Inzwischen wird nicht nur alle paar Jahre, sondern fast schon jede Woche ein neuer Ismus durchs Land getrieben. War es vor ein paar Tagen noch der alltägliche Sexismus, der die Republik in ihren Grundfesten erschütterte, ist es jetzt schon wieder der Rassismus, der sein grässliches Haupt erhebt, obwohl doch gerade erst die Kinderbücher von ihm gesäubert wurden.

Und immer steckt hinter dem letzten Ismus-Schrei irgendwie die FDP. Da sieht man wieder, dass man den Liberalismus nie ganz abschreiben oder gar vergessen darf, auch in obiger Aufzählung nicht. Wie wollten wir auch ohne das theoretische Rüstzeug, das uns der Liberalismus schenkte, die Welt verstehen? Wie ohne seine Leitlinien entscheiden, ob man ein Rassist ist, wenn man das richtig findet, was Hahn gesagt hat? Oder im Gegenteil gerade dann, wenn man meint, der hessische Justizminister sei nicht mehr bei Trost?

Nein, ganz ohne Ismen eilten wir orientierungslos durch die Geschichte, weswegen wir auch nicht so verschwenderisch mit ihnen umgehen sollten wie zuletzt. Sonst bleibt uns bald nur noch der Exhibitionismus im Internet (schon wieder die FDP!) und ein Journalismus von der Art, wie er in dieser Kolumne praktiziert wird. Vor diesem Ismus müssen wir jetzt ja wohl nicht noch ausdrücklich warnen.

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Quelle: F.A.Z.

 
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