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Fraktur : Der Hype mit der Haustür

Homestory: Melania Trumps Blick auf den Hinterhof der Macht Bild: Twitter/FLOTUS

Die neueste Heimsuchung: Der Hausbesuch und die Homestory sind bei Politikern wieder in.

          Unter Politikern gilt ja neuerdings der Hausbesuch als der, wie es Katrin Göring-Eckardt oder „Spiegel“-Redakteure „gewollt riskant“ formulieren würden, „heiße Scheiß der Republik“. So hat CDU-Generalsekretär Peter Tauber im Adenauer-Haus einen „Haustürsimulator“ aufbauen lassen, an dem CDU-Wahlkämpfer lernen sollen, wieder normal mit Menschen zu reden. Politiker besonders weltoffener Parteien sollen den Haustür-Hype bereits genutzt haben, um sich von Professionellen zeigen zu lassen, wie man an einer Tür das Gegenüber mit wenigen Worten und Gesten von den eigenen Reizen überzeugt. Seit jedoch der Wahlkämpferin Theresa May trotz ihrer Leopardenfellpumps mehrfach die Tür gewiesen oder noch nicht einmal geöffnet wurde, demnächst wohl auch in 10 Downing Street, wachsen die Zweifel am Sinn des Hausbesuchs.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.

          Es fängt schon damit an, dass viele Leute aus Angst vor der Globalisierung ihre Türen so sehr verbarrikadieren, dass sie zum Öffnen bis zu einer halben Stunde brauchen – dabei haben die Wahlkämpfer je Tür nur maximal eineinhalb Minuten Zeit. Hingewiesen wird auch auf die steigende Gefahr durch Reichsbürger, die ihr Territorium jederzeit mit Waffengewalt verteidigen. Grüne fürchten, dass sie an den Haustüren für Zeugen Jehovas gehalten werden. Und die Linken wissen aus Erfahrung, dass die Bürger, ihrer ansichtig, gleich die Polizei rufen, weil sie mit bloßem Auge von Beschaffungskriminellen ja oft nicht zu unterscheiden sind.

          Irgendwie müssen sich Politiker und Wähler aber doch näherkommen, zumal in Zeiten, da keiner mehr Lust hat, sich durch 71 Seiten SPD-Programm mit dem Titel „Zeit mehr Gerechtigkeit für“ zu quälen. Lange galt das Verkuppeln der beiden Seiten als Aufgabe für Journalisten. Aber selbst die wussten ja oft nur vom Hörensagen, wie es etwa im Keller von Horst Seehofer aussieht. Einen tollen Ausweg bietet da die Homestory, bei der die Politiker Herz und Haustür für ihre Wähler öffnen. Aus Sicht des Politikers kann dabei eigentlich nichts schiefgehen. Man braucht sich vom Nachbarn doch nur ein paar Bücher von der Sachbuch-Bestenliste auszuleihen. Oder man kauft sich, wenn man so veranlagt ist wie Donald Trump, einige Kickbox-Pokale. Und man impft der bosnischen Haushälterin ein, sie solle so tun, als sei sie ein syrischer Flüchtling, den man aus christlicher Nächstenliebe für einige Zeit bei sich aufgenommen hat. Schließlich holt man das Foto mit der Ehefrau, die schon lange eine eigene Wohnung hat, vom Dachboden – oder man bringt es dorthin, je nachdem, welche Erwartungen man an das vereinbarte lockere Gespräch mit der Society-Reporterin hat.

          In der Regel bekommt man dann wohlwollende Presse. Statt „Der Politiker xy geht fremd“ heißt es: „Seine geschmackvolle Wohnung atmet das Berlin der zwanziger Jahre.“ Statt: „Er hat seine Kinder im Stich gelassen“ liest man dann: „So gut hat er sein Patchworkleben im Griff.“ Manchmal geht aber doch etwas schief. Die Frau des mexikanischen Präsidenten etwa zeigte in einem People-Magazin ihre wunderschöne Villa, von deren Existenz bis dato nichts bekannt war. Unangenehme Fragen kamen auf: Ja, was ist denn das für eine Villa? Wer hat die denn gebaut? Der, der auch die Regierungsaufträge bekommen hat?

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          So ähnlich ging es zuletzt Heiko Maas, der offenbar auch eine etwas unvorsichtige Partnerin hat. Die gewährte auf der Internetplattform eines Möbelhändlers Einblicke in ihr Zuhause, das sie angeblich mit Maas teilt. Die Zeitschrift „Bunte“ machte daraus eine Homestory, auch da kamen Fragen auf: Wer hat die Möbel bezahlt? Wusste Maas vorab von der Veröffentlichung? So geriet leider ganz in den Hintergrund, dass Maas’ Partnerin laut „Bunte“ „schön“ ist und „der Nestbau bei der neuen Patchworkfamilie“ „äußerst gelungen“.

          Den tiefsten Einblick in ein Eigenheim verdanken wir diese Woche aber der wunderschönen First Lady Melania Trump. Sie twitterte ein düsteres Foto aus dem von ihr frischbezogenen Weißen Haus – mit zwei Kerzen und Blumengebinde atmet es den Geist einer Beerdigung. Dazu passte der nur scheinbar vorfreudige, tatsächlich aber nostalgische Text: „Freue mich auf die Erinnerungen, die wir im neuen Heim sammeln werden.“ Offensichtlich sehnt die elegante Frau schon den Tag herbei, an dem sie im stilvollen Trump Tower mit ihrem Liebsten ganz verschmust einen Tag ohne Termine verbringen kann.

          Quelle: F.A.Z.

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