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Fraktur : Das Ende ist nicht nur nah, sondern da

Ist alles schon verloren? Oder geht der Kampf erst richtig los? Bild: Claus Eckert

Doch alles hat sein Gutes: Wer einen Mutmacher wie Steinmeier hat, braucht keinen Angstmacher mehr.

          Überall ist derzeit vom Weltuntergang die Rede, gerade so, als handele es sich dabei um das einzige, was überhaupt noch als sicher gelten kann. „Der Spiegel“ titelte mit „Das Ende der Welt“; der Nachsatz „wie wir sie kennen“ wurde nur noch in Klammern gesetzt und kleiner gedruckt, dazu ließ man den überdimensionierten, in Flammen stehenden Kopf Donald Trumps auf unsere im Vergleich dazu winzige Mutter Erde zurasen. Der Chefredakteur der Zeitschrift, die mit dem Slogan „Keine Angst vor der Wahrheit“ wirbt, sagte auf die Kritik, wonach er Feuer mit Feuer bekämpfe: „Der Titel beschreibt das, was passiert ist.“ Wer das anders sieht, wer sich etwa am Morgen nach dem „Trump-Schock“ an den herbstlich gefärbten Blättern des Waldes erfreuen konnte, der muss demnach unter posttraumatischen Wahrnehmungsstörungen leiden.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.

          Bestätigt fühlen durfte sich „Der Spiegel“ durch die Worte unseres – vorbehaltlich eines Weltuntergangs – künftigen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier, der ja weithin den Ruf genießt, besonders besonnen zu sein und deshalb selbst nach Ansicht seiner eigentlichen Gegnerin Angela Merkel „der richtige Kandidat in dieser Zeit“ sei. Was „diese Zeit“ ausmacht, erläuterte Steinmeier so: „Die Ereignisse unserer Zeit, Brexit, die Folgen für Europa, die Wahl in den USA, die Lage in der Türkei – das alles sind politische Erdbeben.“ Die „Verunsicherung in unserer wirklich krisenbefangenen Welt“ sei groß. Deswegen gehe es nicht ohne einen „Mutmacher“ wie ihn.

          Wer so einen Mutmacher hat, braucht keinen Angstmacher mehr. Lieber als Steinmeiers Worte nahmen wir jedenfalls wahr, was der Schriftsteller Michel Houellebecq, kein klassischer Mutmachertyp, im „Frankfurter Allgemeine Quarterly“ sagte: „Ich erinnere mich an keine Zeit in meinem Leben, in der nicht von Krise die Rede war.“ Wir haben dazu einen Faktencheck gemacht und sind in die angeblich so federleichten achtziger Jahre zurückgereist, in denen die entscheidende Frage nicht „Freund oder Feind?“ war, sondern „Geha oder Pelikan?“. Damals gab es die Fernsehserie „Monaco Franze“ – durchaus lustig. Aber worum ging es zum Beispiel in Folge 8? Um eine schwere Wirtschaftskrise! Und in Folge 9? Um die Angst vor den Russen! In den Achtzigern erschien auch ein berühmtes Lied der Band R.E.M.: „It’s the end of the world as we know it.“ Der Unterschied zum „Spiegel“-Cover ist, dass hier in Klammern steht: „And I feel fine.“

          Heißt: Der Weltuntergang ist immer schon unter uns, und er wird, wie die Kanzlerin sagen würde, „zum gegebenen Zeitpunkt“ auch erklären, was er vorhat. Die Frage ist nur, ob man sich dadurch den Tag vermiesen lässt. Im Zweifel liegt man eh falsch. So wie der vermeintlich ununtergehbare Franz Beckenbauer, der 1990 als Krönung des Jahrzehnts den WM-Titel holte und danach mit Blick auf die Wiedervereinigung sagte, „ich glaube, dass die deutsche Mannschaft über Jahre hinaus nicht zu besiegen sein wird“. Ausgerechnet in diesem Moment, in dem der Untergang so fern schien, wurde ihm der Weg geebnet. Spieler wie Carsten Ramelow und Steffen Freund sollten ins Nationalteam rücken, und wozu die Einheit sonst so führte, kann man heute im fast schon untergegangenen Nordrhein-Westfalen gerade noch beobachten.

          Aber das sind wohlfeile Ex-post-Betrachtungen. In der historischen Umbruchsituation merkt man oft nicht, dass man sich in einer solchen befindet. Von Luthers Thesenanschlag, der als einer der Startpunkte für die Neuzeit gilt, ist nicht mal klar, ob er stattgefunden hat. Der „Marsch auf Rom“, so etwas wie der Gründungsmythos des Faschismus, muss nicht nur wegen des Dauerregens eine eher erbärmliche Angelegenheit gewesen sein. Selbst die sonst so zeitgeistsichere Wochenzeitung „Zeit“ wirft deshalb bang die Frage auf: „Ist schon alles verloren? Oder geht der Kampf jetzt erst richtig los?“

          Der Grüne Cem Özdemir hat das längst beantwortet. Nach Trumps Wahlsieg sagte er, Europa müsse jetzt „die Boxhandschuhe auspacken“. Schon im Juli hatte er mit Blick auf den Umgang mit Erdogan gesagt: „Die Zeit des Wattebäuschchen-Werfens ist vorbei.“ Das hat zwar nichts verändert oder gar verbessert. Aber wer will sich schon ausmalen, was unsere Welt heute für ein Ort wäre, hätte Özdemir geschwiegen?

          Quelle: F.A.Z.

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