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Auch in Hessen gab es Granden: Don Quichote alias Heinz Schenk Bild: Getty

Fraktur : Alte Säcke mit Grandezza

Grantelnde Granden hat nur die CSU. Doch wer genau ist damit gemeint?

          Wenn man als Journalist aus nicht-öffentlichen Sitzungen zitiert, will man die eigenen Quellen zwar schützen, aber nicht die ganze Zeit schreiben: hieß es. Sonst denkt der hochverehrte Leser noch, was er vielleicht sowieso denkt, dass man sich das alles im Biergarten oder beim Yoga bloß ausgedacht habe – eine Vermutung, die zumindest bei der CSU fernliegt, denn das, was da seit einem Jahr oder eigentlich seit jeher abgeht, kann sich wirklich keiner ausdenken.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Man will also wenigstens andeuten, von wem es etwas hieß. Daher schreibt man: wie ein langjähriges Vorstandsmitglied äußerte. Oder: nach Angaben eines Vertreters der engeren Parteiführung. Das wirft aber nicht nur knifflige Fragen auf – Wie eng ist „engere“? Gehört Parteichef Seehofer noch dazu? –, sondern ist auf Dauer auch fad. Nur die CSU hat für dieses Problem eine wieder mal einzigartige Lösung parat. Denn sie hat etwas, was im Grunde keine andere Partei kennt: Granden.

          Natürlich hat man versucht, den Begriff, weil er so schön ist – man denke an La Grande Bellezza oder Ariana Grande – auch in anderen Parteien zu etablieren. Aber durchgesetzt hat er sich nur bei der CSU. Um zu verstehen, warum, hilft ein Blick in den Brockhaus, den Granden unter den Lexika. Darin heißt es, ein Grande sei ein Angehöriger der obersten Klasse des spanischen Adels. Das passt. Die CSU ist zwar die Partei der kleinen Leute, aber immerhin regiert sie quasi Norditalien, was näher an Spanien liegt als zum Beispiel Nordrhein-Westfalen. Und kann sich jemand ernsthaft vorstellen, dass Armin Laschet heute oder dereinst mal „Grande“ genannt werden wird?

          Die Frage ist nur, wer genau gemeint sein könnte, wenn von CSU-Granden die Rede ist. Sogar in der Partei selbst gibt es dazu unterschiedliche Stimmen. Ein aus unserer Sicht glasklarer Grande sagte dieser Zeitung: „alte Säcke“. Gut, dass Rummenigge das nicht gehört hat. Ein anderer CSU-Mann, der mindestens am Rande zum Granden rangiert, meint: „Im engeren Sinn sind damit Stoiber und Waigel gemeint. Vielleicht noch Alois Glück. Und wenn er noch leben würde: Wilfried Scharnagl.“ Deutlich weiter zog zuletzt eine große süddeutsche Zeitung den Kreis. Selbst Entwicklungsminister Gerd Müller, Landtagsfraktionschef Thomas Kreuzer und der frühere Justizminister Alfred Sauter wurden dort als Granden bezeichnet. Es handelte sich allerdings um einen Bericht über die schwäbische CSU. Das könnte bedeuten: Wer in München nicht als CSU-Grande durchgeht, kann es immer noch im eigenen Bezirk oder Ortsverband schaffen.

          Was ist zum Beispiel mit Verkehrsminister Andreas Scheuer? Das Graumelierte des Granden hat er inzwischen und die nötige Grandezza sowieso. Man denke nur an seine jetzt schon legendäre Eröffnung einer Disco in Waldkirchen. Üblicherweise wird mit Granden allerdings verbunden, dass ihre ganz große Zeit vorbei ist. Da sagen manche Granden in Bezug auf den Verkehrsminister: Das wird schon. Bei Peter Ramsauer ist es schon. Er hat auch das Profil eines Granden, allerdings nur im Profil.

          Granden granteln, aber das allein reicht nicht. Sie müssen schon noch etwas zu sagen haben. Erwin Huber, der ehemalige Parteivorsitzende, hat sehr viel zu sagen, vor allem über Seehofer. Aber eben nicht mehr ganz so viel zu melden. Weil er zu klein ist? Wenn man sich die Gardemaßler Söder, Kreuzer oder Generalsekretär Markus Blume anschaut, könnte man meinen, die CSU suche ihre späteren Granden nach den Maßstäben einer Basketballmannschaft aus: Sind sie groß genug fürs Dunking? Oder wenigstens fürs Abdanking? Auch Seehofer ist ja sehr groß. Ist er noch Grande oder schon? Oder wie immer gleichzeitig beides? Regierungsmitglied und Regierungsgegner, Watschnbaum und Watschnmann. In jedem Fall ein Mann. Auch damit erfüllt er eine wichtige Voraussetzung für einen Granden. Oder etwa nicht?

          Was wäre denn, wenn hinter all den Granden, die sich all die Jahre mit irgendwas haben vernehmen lassen, in Wahrheit zumeist Barbara Stamm gesteckt hätte? Was, wenn die Rivalität zwischen Waigel und Stoiber auf einem Missverständnis beruhte, weil sie beide wie selbstverständlich davon ausgingen, der Grande, der sich da abfällig geäußert hat, könne nur der jeweils andere gewesen sein? Und irgendwann zeigt sich dann: Es war Günther Beckstein.

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