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Fraktur : ... Und Sie hätten wieder mehr Zeit zum Lesen

Hochfliegend: Obwohl doch SPD draufsteht. Bild: STRANGM/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Es läuft nicht rund für den Kanzlerkandidaten der SPD. Hier kommt eine Aufmunterung für Martin Schulz.

          Es gibt Politiker, die können tun und lassen, was sie wollen – nie ist es recht. Donald Trump zum Beispiel. Da wirft er sich den Fluten von Houston persönlich an den Hals, spendet eine Million Dollar aus seinem Privatvermögen, und doch wird vor allem über die angeblich unpassenden Stilettos seiner Frau geschrieben. Dabei trug Melania die Schuhe auf dem Weg ins Hochwassergebiet ganz bewusst: um den Texanern die Hoffnung auf ein besseres Leben zurückzugeben und um wenigstens ihre Fersen trocken zu halten.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.

          Der traurige Hintergrund dazu ist, dass ihr Mann aufgrund eines Fersensporns nicht in den Vietnamkrieg durfte. Das interessierte die Öffentlichkeit aber nicht. Wegen des Shitstorms, der sich noch während des Hinflugs über der Air Force One ergoss, musste die First Lady auf Turnschuhe umsteigen. Für die männlichen Flutopfer war das der zweite Schicksalsschlag binnen Tagen.

          Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer weiß, wie ungerecht es ist, wenn Menschen wegen eines womöglich falschen Flut-Outfits verurteilt werden: Weil er als Bub Hochwasserhosen trug, sei er, wie er nun der „Abendzeitung“ verriet, gehänselt worden. Aber Seehofer hat es noch gut im Vergleich zu Martin Schulz. Dem SPD-Kanzlerkandidaten wird wirklich alles zu seinen Ungunsten ausgelegt: Antwortet er auf die Frage einer Reporterin in Unna, wie er sich angesichts der schlechten Umfragewerte noch motivieren könne, mit dem völlig harmlosen, ja freundlichen Satz „Ich denke mir, im Verlauf des Tages wirste dann von netten Frauen interviewt“, dann schallt es „Sexismus!“ durchs Land.

          Wenn Schulz sagt, ihn interessierten Golffahrer deutlich mehr als Golfspieler, dann wird nicht etwa auf GTI-Treffen ihm zu Ehren ein Satz Reifen geopfert, sondern die Golfspieler verdoppeln aus Protest ihre Spenden an die CDU. Schulzens Genosse Schröder brauchte eine Flut, um 2002 die Wahl doch noch zu gewinnen. Sein Schuhwerk, die Gummistiefel, hatten ihn damals zum Sieg über Edmund Stoiber getragen. Bei Schulz hieße es: Die machen Schweißfüße – und übers Wasser kann er auch nicht mehr gehen.

          Derlei hat nun die sozialdemokratische Familienministerin Katarina Barley gegenüber Journalisten bitterlich beklagt. Auch monierte sie die angebliche Bereitschaft der schreibenden und sendenden Zunft, noch hinter jedem Fehltritt, in jeder Schwäche von Kanzlerin Angela Merkel eine geniale Strategie zu vermuten. Um dagegen anzugehen und selbst noch besser rüberzukommen, hat Schulz nun als Berater die erfahrenen Journalisten Béla Anda und Markus Peichl verpflichtet. Jener war Regierungssprecher von Gerhard Schröder und stellvertretender Chefredakteur der „Bild“-Zeitung, dieser gründete einst die Zeitschrift „Tempo“, die unter anderem mit der Maxim-Biller-Kolumne „100 Zeilen Hass“ Berühmtheit erlangte.

          Zeilen der Hoffnung für Martin Schulz

          Zur Beruhigung von Frau Barley können wir hier nun mit großer Freude und ehrlichem Respekt vor der Geschichte der Sozialdemokratie und der inhaltlichen Arbeit der SPD in den vergangenen vier Jahren vermelden, dass die beiden Neuen schon wirken, dass es aufwärtsgeht, wenn nicht zur Sonne, so zumindest zur Freiheit. Es folgen nun Zeilen der Hoffnung für Martin Schulz, dem knappen Platz geschuldet sind es statt hundert nur dreißig:

          Lieber Herr Schulz, nur wer so weit zurückliegt wie Sie, kann am Wahltag das durch nichts zu ersetzende Gefühl genießen, ein wahnsinniges Comeback geschafft zu haben. Sie sind ein Fußballer, ein Streetfighter. Sie wissen, dass sich von einer Sekunde auf die andere ein ganzes Leben ändern kann. Gemessen daran, haben Sie bis zum Wahltag noch jede Menge Zeit. Was kann nicht alles passieren. Sie erinnern sich sicher an Fukushima und den Aufschwung der Grünen. Sie kennen auch den belgischen Schrottreaktor Tihange – direkt in Ihrer Nachbarschaft. Denken Sie mal drüber nach.

          Bis dahin: Nicht darum kümmern, was geschrieben wird, die erste Juso-Reihe bei SPD-Veranstaltungen ist im Zweifel der bessere Gradmesser für die Stimmung im Land. Im Übrigen sollten Sie denken wie Schröder: Es geht um Ihr Leben, und darüber bestimmt nicht die deutsche Presse. Wenn es einen Gott gibt, dann gewinnen Sie. Sollte es anders kommen, ist das der sichere Beweis für seine Nichtexistenz. Weltgeschichtlich wäre das noch bedeutender als ein Kanzler Schulz. Und Sie hätten wieder mehr Zeit zum Lesen.

          Ihr tifr.

          Quelle: F.A.Z.

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