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Fraktur : Ohne Groll kein Troll

Die wahre Kunst: sich ohne Groll zu trollen Bild: Wilhelm Busch

Ach wären wir doch alle so tiefenentspannt wie Cem Özdemir!

          Es ist ein weiser Rat, nicht im Zorn zurückzublicken, schon gar nicht am Anfang eines Jahres, an dem es noch gar nicht so viel gibt, auf das man erbost zurückblicken könnte, abgesehen natürlich von den Knallköpfen, die bis früh um fünf geböllert haben.

          Gut, Donald Trump hat etwas mehr Grund, sich über eine Knallcharge zu ärgern, ließ den Präsidenten doch kein Geringerer als sein ehemaliger Lieblingseinflüsterer „Sloppy Steve“ Bannon in einem Buch mit dem Titel „Feuer und Zorn“ als den dümmsten Backstein aller Zeiten erscheinen, was ja nicht zutreffen kann (Lügenbannon!), denn schließlich hat der in den Superlativ verliebte Trump – oder wenigstens sein Schwiegersohn – gemerkt, dass das kein Kompliment war. Zweitdümmster Präsident aller Zeiten will Trump aber auch nicht sein, erhebt er doch durchgehend den Anspruch des second to none.

          Was also ist ihm zu raten? Trump sollte sich die Gelassenheit zum Vorbild nehmen, mit der in der deutschen Politik die großen auf die kleinen Geister herabblicken, die nicht begriffen haben, wie groß die großen und wie klein die kleinen sind. Was sagte zum Beispiel Cem Özdemir, nachdem er ausführlich dargelegt hatte, dass quasi der ganze bewohnte Teil der Milchstraße sich ihn als grünen Fraktionsvorsitzenden im Bundestag gewünscht hätte, nur aber eben nicht die Mehrheit in dieser Fraktion – die ja nur eine winzige Minderheit unter all den Völkern der Milchstraße darstellt?

          Sprach er etwa von grünen Dummbeuteln und Dummbeutelinnen, hirnlosen Kretins und Kretininnen oder neidischen Orks und Orksinnen, denen er die Pest an den leeren Kopf wünsche? Nee! Er sagte, bevor er sich in Richtung hintere Reihen trollte, mit dem Gesichtsausdruck des Dalai Lama, er gehe „ohne Groll“.

          Özdemirs Grolllosigkeit wirkt ansteckend

          Ach, wären wir doch alle wenigstens ein wenig so wie der aus welchen Gründen auch immer tiefenentspannte Özdemir! Ohne Groll kein Troll und ohne Troll kein Netzwerkdurchsetzungsgesetz, denn das wäre dann so überflüssig wie auch der Netzwerkdurchsetzungsgesetzdurchsetzer. In einer grolllosen Gesellschaft brauchte man ja im Grunde auch keinen Justizminister mehr.

          Nicht wenige Politiker-Kollegen und Politikerinnen-Kolleginnen hat Özdemirs Grolllosigkeit schon angesteckt. Seine künftige Co-Hinterbänklerin Simone Peter zeigte sich regelrecht dankbar, dass sie in ihrem Leben nun „auch mal andere Schwerpunkte setzen“ könne. Auch die SPD musste sich richtig anstrengen, um der „Plaudertasche“ Laschet etwas gram zu sein; das Donnergrollen aus dem Willy-Brandt-Haus klang dennoch nur wie die Fehlzündung eines E-Bikes.

          Berthold Kohler: „Fraktur“
          Berthold Kohler: „Fraktur“

          Gesammelte Glossen. Mit Zeichnungen von Wilhelm Busch. Frankfurter Allgemeine Buch, Frankfurt a. M. 2017. 200 Seiten, Leinen geb., 17,90 €.

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          Und selbst in der CSU herrschen seit der Klausur im Kloster allein Verständnis, Verzeihen und Vergeben. Schmutzeleien? Wir blicken doch nicht im Zorn zurück, sondern in eine helle weiß-blaue Zukunft mit dreißig Prozent plus x!

          Nur eine Partei, die immer gegen den Zeitgeist rebelliert, die FDP, schloss sich der schnell wachsenden #MeNoGrollToo-Bewegung nicht an. Weil Angela Merkel, als Christian Lindner noch verzweifelt nach einem Grund für den Fexit suchte, der FDP verwehrte, was sie nach Darstellung Kubickis „den Sozialdemokraten jetzt innerhalb weniger Stunden auf dem Silbertablett servierte“, nämlich die Aufgabe der Klimaziele, grollen die Liberalen der Kanzlerin wie Tolkiensche Höllentrolle einer Elbenprinzessin.

          Merkel, so Grollator Kubicki, habe „entweder keine Ahnung oder uns für dumm verkaufen wollen“. Die Kanzlerin so ahnungslos wie Trump? Diese Gleichsetzung würde schon Letzterer nie akzeptieren. Und „für dumm verkaufen wollen“ ist auch nur die halbe Wahrheit, denn dieser Vorsatz ist eindeutig erfolgreich in die Tat umgesetzt worden.

          Damit muss die FDP nun, wie Trump, eben leben, vermutlich sogar vier Jahre lang, denn die SPD-Oberen essen ja auch gerne von silberner Platte. Aber anderthalbtausend Tage immer nur grollen? Variatio delectat. Da trifft es sich gut, dass wir im Netz eine Liste mit 198 (!) Synonymen für das Wort Groll gefunden haben. Schnell herunterladen, ihr Liberalen, bevor Heiko Maas sich die Seite vornimmt!

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