14.06.2004 · Die ausgelobte Fördersumme für künftige deutsche Spitzenuniversitäten entspricht in etwa dem Jahresetat der Harvard University. Elite-Unis wird es in Deutschland wohl weiterhin nicht geben.
Von Jürgen KaubeDen deutschen Universitäten fehlt es an Geld. Es fehlt ihnen zwar noch an vielem anderen, an Studenten etwa, die bereit wären, das Studium ernster zu nehmen, oder an Professoren, die bereit wären, Prüfungen als etwas aufzufassen, bei dem man auch durchfallen kann. Aber der Mangel an Geld wird von allen Seiten als der empfindlichste, der ausschlaggebende betrachtet. Jetzt sollen an einige Universitäten 1,9 Milliarden Euro verteilt werden, um sie zu "Leuchttürmen" der Forschung und Lehre zu machen. Edelgard Bulmahn, die Bildungs- und Forschungsministerin (SPD), hat es in dieser Woche verkündet.
Vielleicht hat sie, aus deren Haus drei Viertel des Geldes kommen sollen, das ein bißchen voreilig getan. Die Wissenschaftsminister aus den Ländern, die ihres Viertels halber und wegen ihrer Bildungshoheit etwas mitzubestimmen haben, räuspern sich jetzt, zeigen sich durch den Berliner Vorgriff gegenüber den am 2. Juli stattfindenden abschließenden Gesprächen zwischen Bund und Ländern beleidigt und kündigen bedeutende Einwände an. Die Bund-Länder-Eifersucht nährt sich auch an diesem Thema. Aber im großen und ganzen wird es so kommen: Unter dem Titel einer Förderung von Spitzenuniversitäten wird im nächsten Jahr entschieden sein, welche Hochschulen von 2006 an in einen anteiligen Genuß an jenem Betrag von knapp 400 Millionen Euro jährlich in fünf Jahren kommen. Die Gesamtsumme macht ungefähr das Jahresbudget der Harvard-Universität aus. Soviel zu den Dimensionen.
Vergleichsweise bescheidene Zuwendungen
Verteilt werden soll der Bundeszuschuß einerseits an herausragende Fachbereiche und an den wissenschaftlichen Nachwuchs. Der andere Teil des Geldes soll an maximal zehn Universitäten gehen - so viele müssen es sein, damit alle Bundesländer wenigstens eine Chance ahnen, daß eine ihrer Bildungs- und Forschungsanstalten mit von der Partie ist. Um als Spitzenuniversität in Betracht zu kommen, müssen die Bewerber darlegen, wodurch sie sich in den nächsten Jahren den Ruf internationaler Erstrangigkeit erwerben wollen. Mehr als 30 Millionen Euro über fünf Jahre wird dabei aber aus diesem Bund-Länder-Programm selbst die vielversprechendste Universität nicht erhalten.
Wie werden die Universitäten auf die Ankündigung reagieren, einige von ihnen könnten demnächst als Spitzenuniversitäten gefördert werden? Aller Voraussicht nach werden sie versuchen, in dem besser und auffälliger zu werden, was gegenwärtig als Zeichen von innovativem Verhalten und wissenschaftlicher Produktivität gilt. Dazu gehört beispielsweise die Gründung von Graduiertenkollegs, Programmen also, in denen Doktoranden, die auf einem thematisch verwandten oder jedenfalls als verwandt darstellbaren Gebiet forschen - unter Überschriften etwa wie "Infektion und Immunität", "Kulturen der Lüge", "Diffusion in porösen Materialien", "Geistliches Lied" oder "Fremdheit und Integration im Ostseeraum" -, gemeinsam unterrichtet und betreut sowie zu wechselseitigem Lernen angeregt werden. Derzeit gibt es ungefähr 270 solcher Doktorschulen. Sind das nicht genug? Und welchen Zusammenhang gibt es zwischen Graduiertenkollegs und dem Ideal der Spitzenuniversität, das mit jenen knapp zwei Milliarden angestrebt wird? Im Grunde oft gar keinen, denn weder unterscheiden sich die Universitäten durch diese Kollegs, noch ist in vielen Fällen zu erkennen, worin diese über ein weiteres Promotionsstipendium hinausgehen. Daß mehr Geld hier etwas anderes als "Mehr vom selben" bedeutet, müßte erst noch gezeigt werden.
Leistung durch Wettbewerb
"Bund und Länder", hieß es im Beschluß ihrer gemeinsamen Kommission vom März dieses Jahres, "wollen durch wettbewerbliche Verfahren den Prozeß einer Leistungsspirale in Gang setzen." Abgesehen vom mißglückten Deutsch dieser Wendung, läßt sie ahnen, was vor allem in Gang gesetzt wird: das Aufwenden von Ressourcen, insbesondere Personal und Zeit, um Exzellenz zu signalisieren. Der Lehre an den Universitäten, von der es heißt, sie sei "verstärkt zu fördern", wird aber gerade das nicht zuträglich sein, weil jene Exzellenz und die zur Förderung vorgesehenen "Exzellenzzentren" und "Exzellenzcluster" - also produktive Forschungsverbünde - ausschließlich nach der Menge und Qualität von wissenschaftlichen Publikationen, Patenten und Drittmitteln beurteilt werden. Innerhalb der Hochschulen wird es jedenfalls zu einer erheblichen Umverteilung der Mittel zugunsten der Teilnahme an jenem staatlichen Ausschreibungsverfahren und zu entsprechend aufreibenden Kämpfen kommen. Den eigentlichen Wettbewerb aber, den um Studenten, verwehrt man den Universitäten nach wie vor. Zusammen mit der Einführung jener disziplinär verengten und zugleich als Schnelldurchlauf zum Beruf geplanten Bachelor-Studiengänge - in sechs Semestern zum Kulturwirt, Wasseringenieur oder Wirtschaftsrechtler -, die jetzt überall entstehen, droht die deutsche Elite-Universität der Zukunft ein seltsames Gesicht anzunehmen: das einer riesigen Fachhochschule mit angegliederten Spitzenforschungsinstituten.
Nichts gegen Spitzenforschung - aber die Forschung ist gerade derjenige Bereich der Universität, den sie nicht organisieren kann, in dem sie nicht als kompakter Akteur auftritt. Man studiert an der Universität Heidelberg, aber es forschen an ihr relativ selbststständige Professoren, für deren Leistungen die Mitgliedschaft in der Universität keine vorrangige Rolle spielt. Es ist kein Zufall, daß die Spitzenuniversitäten sowohl in den Vereinigten Staaten wie in Großbritannien großen Wert darauf legen, ihre Studenten vom ersten Semester an zu Leistungen zu erziehen - und darum den Zugang begrenzen. Hierzulande ist das politisch unerwünscht.
Statt dessen sollen immer größere Anteile an einem Jahrgang eine akademische Ausbildung erhalten, und es soll zugleich alles vermieden werden, daß junge Leute, die sich nicht auf die Anforderungen der Universität einstellen können, in der Arbeitslosenstatistik erscheinen. Der eine Wunsch erhöhte die Zugänge, der andere führte dazu, daß tatenlos einer ständigen Verlängerung des Aufenthalts an den Universitäten zugesehen worden ist. Beides geschah, ohne daß die Mittel der Hochschulen wuchsen. Studiengebühren zu nehmen wurde ihnen gesetzlich verboten. Kürzungen konnten die Fächer in der Konkurrenz untereinander allenfalls vermeiden, wenn sie den Nachweis einer möglichst hohen Lehrbelastung auf ihrem Gebiet anzutreten vermochten, und so hat bis heute ein Professor an deutschen Universitäten außer seiner privaten Moral keinen starken Anreiz, nach rein sachlichen Kriterien zu lehren und zu prüfen. Der Standard stört das Wachstum oder jedenfalls den Bestandserhalt.
„Allen alles“-Devise bremst aus
Es gibt also eine Reihe von Gründen dafür, daß Deutschland keine Spitzenuniversitäten hat. Die unsinnige "Gleichheit der Lebensverhältnisse", die hierzulande Verfassungsrang hat, wurde von Anfang an auch als Aufforderung gedeutet, eine Gleichheit der Studierverhältnisse herzustellen. Allen alles war die Devise. Es ist die Formel dafür, Bildungspolitik als Regionalpolitik, Arbeitsmarktpolitik und Sozialpolitik zu betreiben. Durch mehr Geld für ausgewählte exzellente Forschung wird sich daran nichts Wesentliches ändern - so schön die Aussicht auf zusätzliche Milliarden für die Wissenschaft auch ist.