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Zuwanderung : Warum viele Migranten in Deutschland gegen Flüchtlinge sind

  • -Aktualisiert am

Flüchtlinge vor der Al-Hour-Moschee im Hamburger Viertel St. Georg. Bild: Henning Bode

Unter deutschen Muslimen sind Ressentiments gegen Einwanderer genauso verbreitet wie in der restlichen Bevölkerung, dabei waren viele von ihnen selbst mal Flüchtlinge. Woran liegt das? Eine Spurensuche in Hamburg.

          Man muss nicht lange suchen, um in sozialen Netzwerken Personen zu finden, deren augenscheinliche Sympathie für rechtspopulistische, fremdenfeindliche Positionen auf den ersten Blick ziemlich überrascht. Menschen mit türkisch klingenden Namen etwa, die in ihren Nutzerprofilen Izmir, Adana oder Istanbul als Heimatorte eingetragen haben und sich an Diskussionen über kriminelle Asylbewerber oder die Notwendigkeit geschlossener Grenzen beteiligen. Der junge Mann zum Beispiel, der auf seiner eigenen Seite Beiträge meist auf Türkisch verfasst und mit roter Halbmondflagge posiert und auf der Facebook-Seite der AfD schreibt, Flüchtlinge seien „asoziale Schmarotzer, die sich mit Gewalt nehmen, was sie wollen“.

          Oder der in einer norddeutschen Kleinstadt wohnende Herr, der Schnauzbart und arabischen Vornamen trägt, „Südländer“ für die Zunahme von sexuellen Übergriffen und Gewalttaten verantwortlich macht und der AfD viel Erfolg wünscht. Einer, der sich auffallend häufig auf flüchtlingskritischen Seiten zu Wort meldet, ist der Krefelder Arzt Gürol Salk. Er fordert den konsequenten Schutz der Grenzen, „sei es mit Zaun, mit Mauer, Polizei oder Militär“, er ärgert sich über Einwanderer, die „uns überrumpeln“ und „ohne Filter ins Land kommen“, und er sieht die Gefahr islamistischer Terroranschläge in deutschen Städten.

          Migrationshintergrund und Ressentiments

          Am Telefon erzählt Salk, er habe vor vielen Jahren seine türkische Heimat verlassen, weil er die fortschreitende Islamisierung des Landes unter der AKP-Regierung nicht mehr ertragen habe. Nun befürchte er, dass sich das mit der Islamisierung in Deutschland wiederholen könnte. Gerade weil er die Hälfte seines Lebens in der Türkei verbracht habe, kenne er die Unterschiede zwischen den Kulturen, sagt Salk. So gebe es selbst innerhalb der Türkei kulturelle Spannungen: So manche frauenfeindlichen Traditionen etwa, die in den ländlichen Gebieten der Türkei gepflegt werden, seien in einer säkularen Großstadt wie Izmir nur schwer zu akzeptieren – „wie fremd muss das dann erst für die Deutschen sein, wenn jetzt Kulturen aus Syrien und Nordafrika hier reinkommen?“.

          Davon abgesehen, gebe es einfach nicht genug Platz für weitere Flüchtlinge, die deutschen Städte seien jetzt schon „überbevölkert“. Deshalb müsse eine vernünftige Kontrolle und Selektion an den Grenzen stattfinden: „Fachkräfte“ und „Menschen, die zu uns passen“ rein, „Analphabeten“ raus. Zumal unter der „unkontrollierten Zuwanderung“ am meisten „gut integrierte Ausländer“ wie er leiden würden. Weil in der Gesellschaft dadurch ein immer negativeres Bild von Migranten entstehe.

          Migrationshintergrund und Ressentiments gegenüber Flüchtlingen schließen sich nicht aus. Zu dem Schluss kam im vergangenen Oktober auch schon eine Meinungsumfrage im Auftrag der Zeitung „Welt am Sonntag“. Demnach fanden 40 Prozent der befragten Einwanderer, Deutschland solle weniger Flüchtlinge aufnehmen, 24 Prozent sagten sogar, es sollten gar keine Flüchtlinge mehr ins Land kommen. Die Zahlen unterscheiden sich kaum von Umfrageergebnissen unter Herkunftsdeutschen. Und genauso wie beim Rest der Gesellschaft hat sich auch bei den Zuwanderern die Stimmung seit den Übergriffen in der Silvesternacht verschärft.

          „Unwohlsein“

          Zum Beispiel in den migrantisch geprägten Stadtteilen Hamburgs. Wer sich hier umhört, trifft nur wenige Menschen, die nicht zumindest ein paar Vorbehalte gegenüber Asylsuchenden haben. Die 19 Jahre alte Auszubildende Sinem Yaman sitzt in einem Einkaufszentrum im Süden der Stadt und isst Salat aus einer Plastikschale, während sie das „Unwohlsein“ beschreibt, das sie angesichts steigender Flüchtlingszahlen empfinde. Sie habe Angst vor dem „Islamischen Staat“ und befürchte, dass unter den Flüchtlingen Unterstützer der Terrorgruppe sein könnten. Vor ein paar Wochen sei sie in Istanbul gewesen, als dort eine Bombe explodierte und zehn Deutsche in den Tod riss. Seitdem habe sie Angst, dass so etwas auch hier in Deutschland passieren könnte. In Bussen und Bahnen fühle sie sich zudem oft belästigt von „jungen Männern, die laut Arabisch sprechen und einen anstarren“, und das nicht erst seit Silvester, sondern „schon seit ein, zwei Jahren“.

          Flüchtlingsunterkunft in Hamburg-Bergedorf. Wer sich in der multikulturellen Hansestadt umhört, trifft zahlreiche Menschen mit Vorbehalten gegenüber Asylsuchenden.
          Flüchtlingsunterkunft in Hamburg-Bergedorf. Wer sich in der multikulturellen Hansestadt umhört, trifft zahlreiche Menschen mit Vorbehalten gegenüber Asylsuchenden. : Bild: dpa

          Dennoch sei sie nicht grundsätzlich dagegen, dass notleidende Menschen in Deutschland Zuflucht fänden: „Ist okay, wenn sie herkommen, aber dann müssen sie sich anpassen.“ Ihr Begleiter Oguzhan Inan, ein junger Mann mit schwarzen, hochgekämmten Haaren und freundlichem Blick, stimmt ihr zu. Wenn junge Araber sich danebenbenehmen, so wie in der Silvesternacht, falle das auf Einwandererkinder wie ihn zurück. „Die Schwarzköpfe wieder“, heiße es dann schnell, und Muslime in Deutschland stünden noch schlechter da als ohnehin schon. Letztlich fühle er sich hin und her gerissen: „Ich will nicht über diese Menschen klagen, sie tun mir leid, und ich wüsste nicht, was ich tun würde, wenn ich in ihrer Situation wäre. Und eigentlich haben wir hier ja genug Platz. Andererseits rücken mit den Flüchtlingen alle möglichen Probleme der Welt immer näher an uns heran.“

          „Merkel kriegt meine Stimme nicht“

          Selbst in St. Georg, einem bunten Multikulti-Bezirk, der als Zentrum des Islams in Hamburg gilt und für Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak oder Afghanistan eine der Hauptanlaufstellen in der Stadt ist, spürt man seit den Ereignissen von Köln Unsicherheit unter den alteingesessenen Einwanderern. Vor dem „Sönmez Markt“, einem großen Lebensmittelgeschäft an einer der belebtesten Ecken des Viertels, stehen Männer vor den Gemüseständen und diskutieren. Seine Heimat werde auch gerade zerstört, schimpft ein kräftiger Mann mit pechschwarzem, buschigem Schnauzer, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Er stamme aus Diyarbakir, im Südosten der Türkei, wo die türkische Regierung gerade einen Krieg gegen die Kurden führe. „Trotzdem kommen die nicht nach Deutschland, sondern bringen sich innerhalb der Türkei in Sicherheit, das geht also.“

          Die vielen Syrer und Iraker, die sich auf den Weg nach Europa machten, kämen seiner Meinung nach nur wegen der Sozialleistungen. Er selbst sei zwar auch mal als Flüchtling hergekommen, das sei aber schon 30 Jahre her. Inzwischen habe er einen deutschen Pass und dürfe wählen: „Merkel kriegt meine Stimme nicht. Sie ist schuld daran, dass man sich hier nicht mehr richtig sicher fühlen kann.“ Ramazan Koc, ein jüngerer Mann mit Daunenweste und Baseballmütze, widerspricht ihm lachend. Kriminelle gebe es immer und überall, man dürfe nicht von wenigen auf alle schließen. Er könne verstehen, dass die Flüchtlinge ihr Glück lieber hier als in der Türkei versuchten, und wünsche allen viel Erfolg. Sein Kollege Fevzi Bulut winkt ab: „Er hat gut reden, er hat keine Familie. Wenn man sich um Frau und Kinder sorgen muss, sieht man das alles nicht so gelassen. Das hat die Silvesternacht ja gezeigt, wozu diese Leute fähig sind.“ Syrer wären okay, aber man könne ja gar nicht mehr erkennen, wer woher komme. Der nette Syrer, der bei ihnen im Markt arbeitete, habe selbst erzählt, dass unter den Flüchtlingen viele falsche Syrer seien – „und dann kommen sie hier an und haben plötzlich mehr Rechte und mehr Vorteile als wir, die wir uns hier seit Jahrzehnten abrackern“.

          Nordafrikaner sind das Problem – nicht Flüchtlinge

          Nicht Flüchtlinge seien das Problem, sondern die jungen Nordafrikaner, die das Viertel schon lange unsicher machten, sagt Ahmet Yazici, Vorstandsmitglied in der nahe gelegenen Centrum-Moschee. Mit denen gebe es in seiner Gemeinde schon lange Stress. Nicht ohne Grund seien in den Gebetsräumen inzwischen 14 Sicherheitskameras installiert: „Selbst unserem Imam haben sie schon mal das Handy geklaut, und regelmäßig verschwinden Schuhe von Besuchern während der Gebetszeiten.“ Mit dem Islam habe das Verhalten dieser kriminellen Jugendlichen herzlich wenig zu tun. Dass Muslime sich trotzdem für die Übergriffe in der Silvesternacht rechtfertigen müssten, sei absurd.

          In einigen Moscheen wurden inzwischen Sicherheitskameras installiert, denn es soll regelmäßig zu Diebstählen kommen.
          In einigen Moscheen wurden inzwischen Sicherheitskameras installiert, denn es soll regelmäßig zu Diebstählen kommen. : Bild: dpa

          In der arabisch geprägten Al-Nour-Moschee, die seit Monaten Flüchtlinge in ihren Gebetsräumen übernachten lässt, sieht man das ähnlich. Abdellah Benhammou ist hier Flüchtlingsbeauftragter, er stammt selbst aus Marokko und betreut schon länger minderjährige unbegleitete Flüchtlinge aus Nordafrika. Bei den meisten von ihnen sei leider Hopfen und Malz verloren, sagt Benhammou, der gerne deutsche Sprichwörter verwendet. Er habe die Erfahrung gemacht, dass Jugendliche aus Marokko und Algerien schwerer integrierbar seien als alle anderen arabischen Jugendlichen, sagt er und vermutet, dass das mit wirtschaftlichen Unterschieden zu tun haben könnte: Die 140 Euro Taschengeld im Monat, die man als Flüchtling bekomme, seien für Ägypter viel Geld, in Marokko und Algerien aber komme man damit nicht weit. Deshalb stellten sich bei jungen Männern aus diesen Ländern schneller Frust und Resignation ein. „Sie haben ihre Existenz in der Heimat aufgegeben und dann gemerkt, wie schwer es ist, in der Fremde bei null anzufangen. Viele haben den Kontakt zu ihren Familien abgebrochen, aus Scham darüber, dass sie es in Europa nicht geschafft haben. Von da ist es nur noch ein kleiner Schritt in die Kriminalität.“

          Der Krefelder Arzt Gürol Salk glaubt nicht daran, dass Integration von „ungebildeten Flüchtlingen“ gelingen kann. Für ihn ist die Sache klar: „Ich möchte hier bleiben, ich will nicht schon wieder auswandern und von vorne anfangen müssen, und deshalb will ich nicht, dass sich Deutschland noch mehr verändert“, sagt er. Deshalb werde er bei der nächsten Wahl für die AfD stimmen. Für den aus Izmir eingewanderten Mann wäre es das erste Mal, dass er an einer deutschen Wahl teilnimmt.

          Quelle: F.A.Z.

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